Der Sehnsuchtsvolle: Philipp Poisels „Mein Amerika“ klingt herrlich leidend

Singt von Seelenpein und Herzensnot: Sänger und Liedermacher Philipp Poisel. Foto: dpa

Wenn Philipp Poisel nicht singt, malt er. Kreise. Dabei schaut er sich an, wie die Farben verlaufen, und er mischt sie dann neu. So ähnlich ist es auch mit seiner Musik - er malt mit Worten Bilder, die sich miteinander verbinden.

„Mein Amerika“ heißt sein neues Album. Und anders als es der Titel und die aktuelle Situation vermuten lassen, wird Philipp Poisel darauf nicht politisch. Im Gegenteil. „Die Songs entstanden, bevor Trump gewählt wurde“, sagt er. Für ihn ist Amerika: Sehnsucht, Freiheit, Weite.

Auf „Mein Amerika“ klingt der Sänger und Songschreiber aus Ludwigsburg, dem seine Kritiker vorwerfen zu seicht zu sein, kraftvoller und dynamischer als zuvor. Doch wird aus einem Philipp Poisel eben niemals ein harter Rocker. Er leidet weiter. Singt mit brüchiger Stimme von der Liebe - der unglücklichen. Von den Momenten, in denen sich der Eine hoffnungslos nach dem Anderen verzehrt. „Wann wird es für immer gut?“, fragt er („Für immer gut“). An seinem musikalischen Himmel hängen noch immer keine Geigen.

Wie ein Orkan

Der Babyspeck ist weg, der 33-Jährige bleibt sich aber auf seinem dritten Studioalbum treu. Er ist nach wie vor der leicht nuschelnde, sensible, mitfühlende Schmerz-Seufz-Wuschelkopf-Sänger. Der Herzchensammler. Der, der auf der Bühne auch mal weint, wenn ihn die Musik wie ein Orkan bewegt. So ein Orkan will er selbst auch sein, singt er.

„Ich will ein Roman sein auf den Seiten deines Lebens. Geschrieben mit schwarzblauer Tinte aus deinem Herz“, textet er tief romantisch in der Qualität eines Poeten („Roman“). „Ich sage damit, dass man, wenn man jemanden gut kennt und viel miteinander durchlebt hat, eben auch die dunkle Seite dieses Menschen kennt. Eine Beziehung, in der man sich viel Zeit gelassen hat, in der man hinter die Kulissen des Anderen schaut, die hat eine Tiefe, eine Bedeutung“, sagt er in Interviews.

Kurzgeschichten, SMS und WhatsApp sind seine Sache eben noch immer nicht. Er ist der Mann für die langen, zarten Momente - für handgeschriebene Briefe, bei denen man nach jedem Wort ringt.

Seine Gefühlswelt ist intensiv. Wo sich Leben und Lieder vermengen, sagt er nicht. Und doch singt er von Erfahrungen - Seelenpein, Herzensnot, sehnsuchtsvollen Erinnerungen. Erfüllung? Nie! Doch klingt am Schluss immer eine Zeile nach, die versöhnlich stimmt. Wie ein Drama, dass am Ende die Hoffnung auf ein gutes Ende aufblitzen lässt.

Der Sound dazu klingt meist schlicht und klar, aber auch mal dynamisch und voluminös, wie die mit Streichern aufspielenden Arrangements. Aufgenommen wurde das Album in Nashville im berühmten „Blackbird Studio“.

Viel Zeit gelassen hat er sich. Sechs Jahre mussten seine Fans auf das neue Album warten. 2010 schaffte es „Bis nach Toulouse“ zu doppeltem Goldstatus und 2012 schoss das Livealbum „Projekt Seerosenteich“ auf Platz eins der Albumcharts.

Bald kann Philipp Poisel wohl auf einen weiteren Kreis blicken. Einen Glänzenden, den er nicht selbst malen muss: eine neue Goldene Schallplatte an seiner Wand.

Philipp Poisel: Mein Amerika (Grönland) Wertung: !!!!:

Von Maja Yüce

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