Ron Carter & The Golden Strikers boten große Momente beim Kasseler Jazzfrühling

Hat sein Atlantis gefunden

Sofort erkennbarer Ton: Kontrabassist Ron Carter beim Kasseler Auftritt. Foto:  Fischer

Kassel. Der Jazzliebhaber musste sich am Freitagabend in der Kasseler Sparda-Bank so fühlen wie ein Münzsammler, der den kostbaren 1933er „Double Eagle“-Dollar zum ersten Mal vor sich in der Vitrine liegen sieht. Ron Carter betrat die Bühne und damit einer der bekanntesten Jazzbassisten aller Zeiten, dem man eigentlich nur bei der Schlussverbeugung seine 73 Jahre anmerkte. Das Konzert wurde zu einem Höhepunkt der Veranstaltungsreihe Kasseler Jazzfrühling.

Stellvertretend für eine ganze Generation unvergesslicher Titanen (Miles Davis, Herbie Hanckock, Stan Getz), die dieser Musik philosophische Tiefe und kreative Brillanz abgerungen haben, verströmt Carter die Aura eines weisen Mannes, der sein Atlantis für sich gefunden zu haben scheint.

Jazz spielt man fast immer im Spannungsfeld zwischen Kellerloch und Olymp. Carter hatte das Glück, von Anfang an immer gut beschäftigt gewesen zu sein und er überstand den Spagat zwischen Mainstream und Avantgarde ohne Selbstzweifel und Eskapaden. Auf seiner aktuellen Europatournee ist Carter mit Pianist Mulgrew Miller und dem Gitarristen Russell Malone unterwegs.

Das Repertoire umfasst Standards und Eigenkompositionen, die sich in einem gediegen-eleganten Klanggefüge perfekt ergänzen. Doch was man spielt, ist eigentlich völlig egal. Die Art und Weise, wie man es spielt, adelt das Gehörte. Carter knetet die Saiten gelassen in das Griffbrett, marschiert stoisch durch das Ostinato und produziert so einen rund-gewölbten, klaren Ton, an dem man ihn sofort identifizieren kann.

Ein Geschenk für eine Triobesetzung ohne Schlagzeug, denn mit der rhythmischen Synchronisation steht und fällt so ein Projekt. Gitarrist Russ Mallone verlinkt Tradition und Moderne mit einer unwiderstehlichen Perfektion und Coolness. Gibt es etwas faszinierenderes als Hochspannung, präsentiert mit dem Gesichtsausdruck eines souveränen Pokerspielers?

Pianist Miller ist nicht mehr der Mega-Virtuose vergangener Tage, als er sich noch nach seinen Konzerten Notizen über das gerade gespielte Solo machte. Doch aus seinen opulenten Akkorden und den feinmaschigen Improvisationen schäumt Begeisterung und Leidenschaft, wegen der er seit vielen Jahren von den Stars der Szene hofiert wird.

So wurde das Konzert zu einer emotionalen Veranstaltung mit einer Prise Sehnsucht nach der kraftvollen Ära des Modern Jazz, der schon längst mehrere Updates verpasst wurden. Großer Applaus.

Von Andreas Köthe

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