Sex ist sein Kokain: Michael Fassbender im Kino-Drama „Shame“

Er hat nur das eine im Kopf: Der großartige Michael Fassbender als sexsüchtiger Brandon. Foto: Prokino

Brandon (Michael Fassbender) braucht Sex wie andere Kokain oder Alkohol. Täglich und in steigender Dosis. Sein ganzes Leben dreht sich darum, wo er sich den nächsten sexuellen Kick holt: mit einem schnellen Flirt an der Bar oder einer Prostituierten, auf einer Pornoseite im Internet oder dem Masturbieren auf der Bürotoilette.

Erfolgreich im Beruf lebt der attraktive Mittdreißiger das moderne Ideal urbaner Unabhängigkeit. Aus dem Appartement blickt er auf die Straßen Manhattans, wo jederzeit alles verfügbar ist.

Aber Brandons von der eigenen Sucht strukturierte Existenz wird empfindlich gestört, als seine jüngere Schwester bei ihm auftaucht. Sissy (Carey Mulligan) ist Sängerin und für ein paar Wochen in der Stadt. Kurzerhand nimmt sie sein Apartment in Beschlag, dringt in die sorgsam gehütete Privatsphäre ihres Bruders ein, lässt ihre Klamotten in der aufgeräumten Wohnlandschaft herumliegen und vergnügt sich mit fremden Liebhabern im Schlafzimmer.

Brandon frisst alles in sich hinein, Sissy lässt alles heraus. Dass beide eine schmerzhafte familiäre Vergangenheit teilen, wird nicht konkretisiert, aber man ahnt es, wenn Sissy in der Bar die sterbensschöntraurigste Version von „New York, New York“ singt und Brandon eine einsame Träne aus dem Auge tritt. Bei aller gegensätzlichen Seelenverwandtschaft können die beiden einander nicht helfen. Jeder steuert für sich auf seinen eigenen Abgrund zu.

Schonungsloser Blick

„Shame“ ist das komplexe Porträt einer Sucht, die die intime Nähe zu einem anderen Menschen sucht und in der schnellen sexuellen Befriedigung gleich wieder zurückweist. Der britische Künstler und Filmemacher Steve McQueen, der mit „Hunger“ über den Hungerstreik des IRA-Häftlings Bobby Sands ein eindringliches Filmdebüt vorgelegt hat, blickt schonungslos und ohne therapeutische Erklärungsmuster auf die Verhaltensmechanismen des Sexsüchtigen, die sich kaum von denen eines Drogenabhängigen unterscheiden.

Auch hier verwandelt sich genussvolles Begehren in vollkommene Abhängigkeit, wird die Dosis ständig erhöht, bis sich das ganze Leben allein nach der Sucht ausrichtet. Der hervorragende Michael Fassbender spielt den Süchtigen angstfrei und ohne Tour-de-Force-Gehabe, lässt in seinen Augen immer wieder die seelische Leere seiner Figur durchscheinen, die vor sich selbst auf der Flucht zu sein scheint und in ihrer sexuellen Hyperaktivität nicht in der Lage ist, sich auf mitmenschliche Nähe einzulassen.

Eingebettet wird die präzise Charakterstudie in ein klar strukturiertes, visuelles Konzept, das in kühlen Farben die urbane Modernität ins Bild fasst und Brandons Sucht als logische Konsequenz des individualistischen Zeitgeists erscheinen lässt.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 16

Wertung: fünf von fünf Sternen

Von Martin Schwickert

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