US-Sänger John Grant betört mit seinem Unglück

Seine Depressionen sind ein Glücksfall

Als John Grant 2014 im Kasseler Kulturzelt auftrat, freute sich der US-Singer/Songwriter an deutschen Worten „vergackeiert“ und „oberaffentittengeil“. Auf seinem dritten Soloalbum „Grey Tickles, Black Pressure“ geht es dagegen wieder weniger lustig zu. Es geht um Drogensucht, Depressionen und erlittene Homophobie.

Der Musik selbst, die dem Glam-Rock der 70er, dem Wave der 80er, Disco-Funk und poppigem House viel verdankt, hört man das eher selten an. Üppig arrangiert, beatlastig auf den Dancefloor zielend, konterkariert sie die tieftraurigen, sarkastischen und wütenden Texte.

In Interviews verrät der 47-Jährige, der einst Kopf der Indiepop-Band The Czars war, noch mehr über sich. So war es für Grant, der inzwischen glücklich liiert auf Island lebt, überhaupt nicht lustig, als schwuler Teenager im erzkonservativen Colorado aufzuwachsen. Abgelehnt, auch von den Eltern. Das prägt. Später kamen Selbstmordgedanken, verschiedene Süchte, eine kreuzunglückliche Beziehung hinzu. Schließlich die Diagnose HIV positiv. Den Satz „Leute wie dich sollte man umbringen“ hörte er öfter.

Von Drogen lässt er inzwischen die Finger, sagt er. Ohne Depressionen indes hätte er mit der Musik wohl nicht angefangen. Da ist man zwar wieder bei der These, nach der überzeugende Kunst zwingend großen Schmerz benötigt, aber Grant sagt eben genau das. Für seine Fans sind seine Depressionen so gesehen ein Glücksfall.

Hört man „Grey Tickles, Black Pressure“ ein bisschen genauer an, weiß man einmal mehr, warum Grant so viele treue Fans hat: Herrlich böse rechnet er mit seinem Ex-Partner ab. Pointiert, witzig und mit selbstironischer Offenheit hadert er mit seiner Midlife Crisis und wundert sich darüber, ein passabler Adressat für Hämorrhoiden-Salbe zu sein.

Der Hitler-Vergleich, den er für all die homophoben Idioten in Anschlag bringt, ist sicher grenzwertig, aber Grant ist Amerikaner, da geht so was durch.

John Grant: Grey Tickles, Black Pressure (Pias / Cooperative). Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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