Seine Welt muss zerbrechen: Am Staatstheater beeindruckt Bernd Hölscher als „Woyzeck“

Kassel. Er schwitzt, er kriecht auf zerschundenen Knien am Boden auf der Suche nach etwas Essbarem, er hat einen nassen Fleck auf der Billig-Cordhose vom Pinkeln, er muss aus einem Schweineeimer Erbsen fressen, spuckt die Pampe aber wieder dort hinein.

Er will den Chef rasieren, wird von dem aber aus Machtgeilheit selbst mit dem Schaum eingeseift. Er will in seine Frau Marie eindringen und kann mit halb heruntergelassener Hose doch nicht. Er will seinen Sohn in einem verzweifelten Zärtlichkeitsanflug umschlingen, aber der wendet sich ängstlich ab.

Ein Mann zerbricht, weil der kleine Rest Würde, den sein Unterschichtsdasein ihm lässt, verhöhnt und zertrampelt wird. Bis er den Schalter im Kopf umlegt und aufräumt: Er zerbricht seine Welt und tötet die Frau, die er liebt.

Markus Dietz erschafft mit Georg Büchners „Woyzeck“ am Kasseler Staatstheater einen zutiefst bewegenden Theaterabend voll großer Bilder und größtem Respekt für die Leistung des Hauptdarstellers Bernd Hölscher. Neunzig Minuten Schwerstarbeit, psychisch wie physisch.

Keuchend, schreiend, dann in verstummter Verzweiflung ackert Hölscher über die Holzlatten der Bühne (auch Kostüme: Mayke Hegger). Minutenlang bricht er die meterlangen Bretter auf. Woyzeck rastet aus, und Bernd Hölscher reißt die Bretter aus der Verankerung und wirft sie beiseite.

Seine, unsere Welt zerbirst, darunter erscheint eine Wasserfläche, fast unbegehbar. Jedes Mal, wenn man denkt, jetzt kann er nicht mehr, kommt ein Kraftschrei, und es geht noch ein paar Minuten weiter. Und noch. Hebeln, brechen, werfen. Atemlos still ist es im Zuschauerraum des Staatstheaters, die Verstörung lässt den Atem stocken.

Markus Dietz geht den Weg der Abstraktion. In der Bühnenkargheit mit grellem Frontallicht oder nur von tief am Boden pendelnden nackten Glühbirnen beleuchtet, reicht eine Chipstüte, um die ganze Unterschichtstristesse zu zeigen.

Denn als ihr Sohn (Lennart Breitenstein) nicht schlafen will, schüttet Marie (Birte Leest) die Chips aus und stülpt dem Kleinen entnervt die Tüte über den Kopf. Ruhe ist.

Dietz schafft es, bei den Zuschauern gesellschaftliche Bilder im Kopf zu erzeugen: White Trash, Unterschichtsclique, Saufrituale mit Discounterbier, Feiern bis zur Bewusstlosigkeit. „Fick den Schmerz weg“, heißt es in dem Lied, zu dem Marie und die anderen tanzen in der Disco. Marie ist die rauchende Rockerbraut, die sich besteigen lässt. Sie verrät Woyzeck, denn ihr neuer Liebhaber gibt mit seinen Muckis an. Wer nichts hat im Leben, hat immer noch seinen Körper, hat Posing, Sex, Gewalt. Das ist drastisch. Und muss so sein.

Markus Dietz schneidet die Szenen eng ineinander, hier fängt schon einer an zu sprechen, als dort die Szene noch zu Ende gebracht wird. Viel erklärt wird nicht, wer nicht weiß, dass Woyzeck den Chef rasieren soll, wer nicht weiß, dass er für ein paar Groschen ärztliches Versuchsobjekt ist, monatelang Erbsen futtern muss und nur auf Anweisung aufs Klo darf, wird das nicht ohne Weiteres verstehen. Aber um diese Details geht es auch nicht, zeigt Dietz. Er entwirft ein großes Panorama von jenen am Rand, die keinen Grund mehr haben, sich richtig anzuziehen, die nicht die Worte finden, angemessen mit Vorgesetzten, Amtspersonen oder nur den eigenen Kindern zu sprechen.

Großer Jubel und Bravos im ausverkauften Schauspielhaus.

Wieder am 25.1., 3., 9.2., Karten: 0561-1094-222.

Hintergrund:

Regisseur Markus Dietz hat den Text gar nicht modernisieren müssen, nur so zusammengestellt, dass Georg Büchners (1813-1837) Hoffnungslosigkeit deutlich wird. Das ist erschreckend aktuell. In dieser Inszenierung ist Woyzeck nicht mehr Soldat, sondern ein Typ, der in prekären Jobverhältnissen existiert.

Birte Leest zeichnet als Marie das kraftvolle Porträt einer Unterschichtsfrau, die sich über ihre Körperlichkeit definiert. Sie liebt das Tanzen, spürt sich nur dann, wenn sie ihren Körper spürt - in der Disco, beim Sex. So kann sie zu ihrem Kind keine emotionale Verbindung herstellen, harsch muss sie den Kleinen (im Wechsel Lennart Breitenstein und Raphael Weiss) anblaffen.

Der Hauptmann heißt zwar noch so, Darsteller Thomas Meczele lässt ihn in seinem glänzigen Anzug und mit dem aufschneiderischen Zähneblecken aber wie einen Nachtclub-Türsteher wirken. Daniel Scholz ist ein schmieriger Arzt der in die Society aufsteigen will. Maries Liebhaber, der Tambourmajor, ist bei Frank Richartz ein prolliger Discoaufreißer, der in jeder Pose Sexbereitschaft verströmt. In kleineren Rollen: Agnes Mann, Christina Weiser, Franz Josef Strohmeier, Sebastian Klein.

Ein Video sehen Sie im Laufe des Montags

Rubriklistenbild: © Klinger

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