René Böll verlor in den Trümmern des Kölner Stadtarchivs den Nachlass seines Vaters Heinrich Böll

„Seit einem Jahr Schweigen“

Heinrich Böll (1917-1985). Foto: Picture-Alliance

Heute vor einem Jahr ist in Köln das Stadtarchiv eingestürzt. Bei der Katastrophe kamen zwei Menschen ums Leben. 90 Prozent des Archivguts wurden verschüttet - darunter der Nachlass des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll. Dessen Sohn René Böll zieht im Interview Bilanz.

Drei Wochen vor dem Einsturz haben Sie den restlichen Nachlass Ihres Vaters übergeben. Hatten Sie ein ungutes Gefühl dabei?

René Böll: Nein, überhaupt nicht. Mein Vater hatte ja bereits 1979 und 1984 dem Kölner Stadtarchiv den Großteil seiner Korrespondenzen und Manuskripte übergeben. Der Vollständigkeit halber haben wir noch Mitte Februar 22 Kartons mit dem restlichen Nachlass, den wir noch zuhause gelagert hatten, übergeben. Wir waren der Meinung, dass das Archiv ein absolut sicherer Ort ist. Mit einer derartigen Katastrophe rechnet ja niemand.

Was war in diesen Kartons?

Böll: Zum großen Teil die gut 1500 Briefe, die mein Vater zwischen 1939 und 1945 an meine Mutter geschrieben hatte. Dazu Manuskripte von Texten, die er als Schüler verfasst hatte. Außerdem alle Familienfotos.

Sie haben in den Trümmern Ihre Familiengeschichte verloren.

Böll: Genau so ist es. Wir haben von den Fotos zwar die ein oder andere Kopie oder Scan, aber die Originalaufnahmen waren allesamt im Archiv.

Auch die Nobelpreisurkunde lag in den Trümmern.

Böll: Die soll wohl gefunden worden sein. Über den Zustand weiß ich aber nichts Näheres. Auch von der großen Stunde meines Vaters bleibt uns bislang nur eine Kopie.

Haben Sie einen Überblick, ob mehr gefunden wurde?

Böll: Da habe ich bislang noch keine genauen Angaben bekommen. Einen Überblick über das, was gerettet wurde, soll es in drei bis fünf Jahren geben. Bis dahin müssen wir uns gedulden. Im Stadtarchiv lagerten zwischen 450 und 500 Millionen Blatt Papier. Ein Original ist ohnehin nicht zu ersetzen. Ein restauriertes Stück ist letztendlich nicht mehr im ursprünglichen Zustand.

Haben Sie von offizieller Seite schon eine Reaktion bekommen. Vielleicht eine Entschuldigung?

Böll: Nein. Weder von der Stadt Köln noch von den Verkehrsbetrieben - inzwischen ist ja so gut wie sicher, dass der U-Bahnbau wohl für den Einsturz verantwortlich ist. Meine und auch die anderen Familien, deren Nachlässe im Archiv aufbewahrt wurden, haben nicht eine Reaktion von offizieller Seite bekommen. Seit einem Jahr herrscht Schweigen.

Was haben Sie mit den Dokumenten vor, die wieder restauriert werden können?

Böll: Wir haben den Nachlass dem Archiv nicht überlassen, sondern verkauft. Die Dokumente, Manuskripte, Fotos und Urkunden gehören der Stadt Köln, die darüber bestimmt, wo sie weiter aufbewahrt werden. Meine Familie besitzt jedoch weiterhin die Urheberrechte am Nachlass.

Was bedeutet dies?

Böll: Die Stadt kann nicht einfach Texte, Schriften oder Fotos meines Vaters veröffentlichen. Das darf nur mit Zustimmung der Erbengemeinschaft, die den Nachlass verwaltet, geschehen.

Bereuen Sie es, den Nachlass Ihres Vaters übergeben zu haben?

Böll: Natürlich. Aber das kann ich nur im Nachhinein so sagen. Ich würde den Nachlass zu jeder Zeit wieder einem Archiv übergeben. Der Einsturz war eine einzigartige Katastrophe. Ich schätze die Arbeit von derartigen Einrichtungen über alle Maßen. Ich bin nur verbittert über die Fahrlässigkeit, mit der der U-Bahnbau in Köln betrieben wurde und noch betrieben wird. Diese Schlamperei hat dazu geführt, dass Köln und ganz Deutschland bedeutende Kulturgüter unwiederbringlich verloren haben. Und niemand übernimmt dafür die Verantwortung. Das ist eine Schande.

Von Tobias Zihn

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