Selbert-Film: Späte Ehre für die Vorkämpferin

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Im Parlamentarischen Rat: Frieda Nadig (Lena Stolze, von links) und Elisabeth Selbert (Iris Berben) gehören zu den nur vier Frauen unter 70 Männern, die das Grundgesetz erarbeiteten. Foto: ard

Die Kasseler Juristin Elisabeth Selbert, 1948/49 eine von nur vier „Müttern des Grundgesetzes“ im 70-köpfigen Parlamentarischen Rat, steht im Mittelpunkt des Spielfilms „Sternstunde ihres Lebens“ von Erica von Moeller, der am Mittwoch, 21. Mai, 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt wird. Zur Premiere lud die ARD ins Hauptstadtstudio ein - neben Iris Berben, die die Sozialdemokratin verkörpert, kamen prominente Schauspieler wie Anna Maria Mühe, Walter Sittler und Max von Thun sowie Mitglieder der Familie Selbert. Ein Bericht aus Berlin.

Von Mark-Christian von Busse

„Guten Tag, ich bin Carlo Schmid.“ Der sich da im ARD-Hauptstadtstudio formvollendet vor Ruth Selbert verbeugt, heißt in Wahrheit Felix Vörtler. In der WDR-Produktion „Sternstunde ihres Lebens“ über die Kasseler Anwältin und Politikerin Elisabeth Selbert (1896-1986), die Dienstagabend in Berlin präsentiert wurde, spielt er den Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Parlamentarischen Rat.

Zur Premiere waren Angehörige der Kasseler Ehrenbürgerin gereist, neben Schwiegertochter Ruth (90) Nichte Anneliese Kratzenberg (86), die Elisabeth Selbert 25 Jahre „gehegt und gepflegt hat“ („wir waren ein gutes Gespann“), und Urenkel Sven Selbert.

Vörtler, Jahrgang 1961, war „ganz gerührt“, dass er Schmid spielen sollte. Er stammt aus einem Elternhaus, in dem der brillante Redner verehrt wurde. „Schmid wollte es verhindern“, stellt Ruth Selbert klar. Sie meint die unmissverständliche Formulierung von Artikel 3 im Grundgesetz: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Dass die 1949 genau so ins Grundgesetz kam, ist Selberts Werk.

„Das ist doch selbstverständlich“, hatte sich Ruth, damals Mitte 20, ihrer Schwiegermutter gegenüber empört, „ich kann gar nicht verstehen, warum Du da solche Schwierigkeiten hast.“ „Hast Du ’ne Ahnung“, habe die geantwortet, „das wollen die Männer immer noch nicht wahrhaben.“

Davon handelt der Film, den das Erste am 21. Mai, 20.15 Uhr, ausstrahlt - packend bis hin zum seltenen Pathos, wenn ganz am Ende die Verfassung verlesen wird. „Toll“ fand es auch Vörtler, der zwischendurch ganz vergaß, dass er selbst mitgewirkt hat. Ein Premierengast erbat das Mikro, als alle Fragen beantwortet, lauter Rosen verteilt waren, um zu sagen, „was wir den Älteren verdanken - dass sie dieses Land zu einem der freiesten, demokratischsten Länder gemacht haben.“ Die Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, Ramona Pisal, sagte über Selbert: „Wir sind sehr stolz auf dieses Mitglied.“

Bis zur Premiere mussten die Darsteller - in den Hauptrollen Iris Berben und Anna Maria Mühe als Selberts Sekretärin - durch ein Blitzlichtgewitter von gut einem Dutzend Fotografen. Zu einem Bild reihten sich sechs Frauen auf: Produktion (Juliane Thevissen), Redaktion (Caren Toenissen, Corinna Liedtke, WDR, Birgit Titze, ARD Degeto), Drehbuch (Ulla Ziemann), Regie (Erica von Moeller), Kamera (Sophie Maintigneux) -- alles in weiblicher Hand.

„Ein Frauenfilm“ nennt Darsteller Max von Thun denn auch das Drama. Gar nicht unbedingt wegen des Themas: Bei Frauen gehe es am Set entspannter zu, ruhiger, konzentrierter. Der 37-Jährige spielt einen Parlamentarier, der eine Affäre mit Selberts Sekretärin eingeht.

Der Film habe ihm die Chance gegeben, so von Thun, seinen Horizont zu erweitern, viel über die Gründung der Bundesrepublik zu erfahren. „Ich bin kein modischer Mensch“, aber die Frisuren, die Kleidung, all das vermittle eine Ahnung dieser Zeit - ihre „Haarpracht wie sonst nie“ hob auch Mühe hervor.

Max von Thun hatte keine Ahnung, wer Elisabeth Selbert ist - mit einer DVD voller alter Wochenschau-Aufnahmen wurden die Schauspieler vor den Dreharbeiten informiert. Diese Unkenntnis gestanden viele, die am Film beteiligt sind. Gastgeber Volker Herres, Programmdirektor des Ersten, testete in jüngster Zeit viele „kluge, hochgebildete politische Journalisten“ - der Name Selbert war keinem präsent.

Vielleicht, weil ihr die ganz große Karriere versagt blieb, anders als die übrigen drei Frauen unter 70 Mitgliedern im Parlamentarischen Rat wurde sie nie Bundestagsabgeordnete, auch nicht, wie sie gehofft hatte, Richterin am Bundesverfassungsgericht. „Für sie persönlich ist nie etwas rausgesprungen“, sagte ihre Schwiegertochter. „Die SPD hat es ihr nie gedankt“, ergänzte Anneliese Kratzenberg, „die Partei hat sie manchmal im Stich gelassen. Auch in Kassel hat sie’s schwer gehabt.“ Auch die Film-Produktion komme ein bisschen spät, findet die 86-Jährige. In Wahrheit sei alles bitterer gewesen, meinte auch Urenkel Sven.

„Es hat noch sehr lange gedauert, bis Gleichberechtigung in allen Facetten verwirklicht wurde“, daran erinnerte Ruth Selbert, und Iris Berben rief dazwischen: „Wir sind noch nicht fertig!“

Die am Film beteiligten Frauen ließen keinen Zweifel daran, dass der Kampf um Gleichberechtigung ein aktuelles Thema sei, auch wenn Volker Herres in seiner Begrüßung betonte, wie fern und unfreiwillig komisch die Film-Atmosphäre sei: ein beklemmend rückwärtsgewandtes Gesellschaftsbild, „heute unvorstellbar“. Da wehrt sich etwa eine von Selberts CDU-Kontrahentinnen mit dem Argument, die Gesellschaft wolle „Frieden und Demokratie, aber doch nicht Sodom und Gomorrha“. Der Mann ist das unangefochtene Familienoberhaupt.

Selberts Sekretärin Irma, die statt von einem erfüllenden Beruf von „Mann, Kindern und Hund“ träumt, sei ein fiktiver Charakter - und dramaturgisch notwendig, um das Ausmaß des Kampfes deutlich zu machen, erläuterte Regisseurin Erica von Moeller. Über diese Figur sollten auch jüngere Zuschauerinnen „abgeholt“ werden, hofft die Wuppertaler Professorin - weil die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unverändert brenzlig sei: „Das Thema hat Relevanz für uns alle, immer wieder.“

Selbert hingegen sollte als authentische Figur vorgestellt werden: „Da ist nichts Behauptetes. Da wurde nichts hinzugefügt. Da muss man auch nichts hinzufügen.“ Erica von Moeller war zweimal zur Recherche in Kassel, sprach auch mit Familienmitgliedern. „Das war die Grundlage, das hat alles losgetreten - und die Basis dessen, wie wir die Rolle angelegt haben.“ Elisabeth Selbert sollte nicht als Berufspolitikerin erscheinen, sondern als Anwältin, die von essentiellen Nöten ihrer Klientinnen erfuhr.

Und warum wurde nicht in Kassel gedreht? Das habe nicht nur mit Fördermitteln zu tun (die kommen von der Film- und Medienstiftung NRW), erklärt von Moeller. Bei historischen Filmen sei immer das Beste, im Studio zu drehen, wo man die volle Kontrolle habe. Die meisten Schauplätze wurden in einem alten Flughafengebäude in Köln nachgebaut. Wenige Außenaufnahmen gibt es am Rhein, einmal spaziert Iris Berben mit ihrer Kollegin Frieda Nadig (Lena Stolze) mit herrlichem Blick aufs Siebengebirge über die Terrasse des alten Bahnhofs Rolandseck in Remagen.

Berben spiele mit großer Geste, findet Urenkel Sven Selbert, sehr emotional: „Meine Urgroßmutter war spröder.“ Die Schauspielerin selbst sagte nach dem Film, ihr sei aber gerade wichtig gewesen, auch Momente des Zweifels, der Überforderung zu zeigen: „Im wahren Leben passiert mir das ja auch.“ Belegt ist ein Nervenzusammenbruch, der Selbert im Film einige Zeit ins Bett zwingt.

In einer Szene aber fährt Berben schwungvoll-forsch davon. Selbert hatte gar keinen Führerschein, da tuschelte die Familie schon während der Vorführung. Und Ruth Selbert sagte, der Film sei ja großartig, aber „in so dicken Socken habe ich sie auch nie gesehen“.

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