Selbstbewusst im Zauberwald: Die Märchenoper „Hänsel und Gretel“

„Komm, knuspern wir!“: Nina Bernsteiner (Gretel, links) und Maren Engelhardt (Hänsel). Foto: Klinger

Kassel. So ein sportlicher Hexenbesen mit roter Glitzerbeleuchtung macht schon was her. Ein Raunen ging durchs ausverkaufte Kasseler Opernhaus, als sich die Knusperhexe (János Ocsovai) zum Hexenritt auf ihr flottes Fluggerät setzte.

Nach zwei ungeliebten Produktionen, die Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ auf unterschiedliche Weise verfremdeten, hat Kassel nun wieder eine Inszenierung, die Märchenzauber verströmt. Und dies, ohne deshalb betulich oder altbacken zu wirken.

Hier ist eine Hexe eine Hexe. Der Märchenwald ist ein Märchenwald, und das Knusperhäuschen - ein Riesenfliegenpilz - ist tatsächlich mit Lebkuchen behangen. Nur ein paar bunte Gummibärchen leuchten als Zugeständnis an die Gegenwart.

Das Inszenierungskunststück vollbracht hat der Regisseur Elmar Gehlen, dessen „Zauberflöte“ in Kassel noch in guter Erinnerung ist. Ebenfalls in bester Erinnerung ist der Bühnenbildner Thomas Richter-Forgách, der - lang ist’s her - in den Siebzigerjahren den legendären Kasseler Melchinger-„Ring“ ausstattete. Die Kostümbildnerin Martina Feldmann komplettiert das Regieteam, dessen spielerisch-elegante Adaption der Märchenoper bereits am Aalto-Theater in Essen das Publikum begeisterte.

Den Kasseler Premierenerfolg verdankt die Inszenierung allerdings auch zu einem erheblichen Teil dem großartigen Geschwisterpaar: Maren Engelhardt als Hänsel und Nina Bernsteiner als Gretel sind zwei rothaarige Kinder, denen der Schalk im Nacken sitzt. Mit ihrer darstellerischen und stimmlichen Klasse würden sie heutzutage von ihren Eltern statt zum Beerenpflücken in den Wald zu einem Casting geschickt werden.

So aber begnügen sich die beiden mit Luftgitarrespielen, und die Zuschauer kommen in den Genuss des Märchenwaldes, der raffiniert aus scherenschnittartigen Kulissen gebaut und von wunderlichem Getier bevölkert ist - etwa einer Riesenschnecke mit Kussmund.

Das sind Traumbilder der Kinder, denen die im Abendsegen beschworenen vierzehn Engel (darunter auch solche im Sturzflug) folgerichtig erst nach dem Einschlafen erscheinen. Dass die armen Eltern (Lona Culmer-Schellbach und Geani Brad stimmlich souverän und mit starker Präsenz) alles andere als ideale Erziehungsberechtigte sind, wird allerdings auch angedeutet - nicht nur durch die Farbe Blau beim Vater.

Doch die Kinder wissen sich selbst zu helfen gegen die Hexe, der János Ocsovai (als lebendes Kunstwerk der Maskenbildnerei) mit Agilität, aber ohne albernes Überdrehen eine Menge Sympathiepunkte erspielt. Die fliegen auch Ingrid Frøseth zu für ihre zauberhaften und glockenreinen Auftritte als Sandmännchen und Taumännchen. Der Kinderchor Cantamus setzt mit einem schönen Auftritt der befreiten Kinder den Schlusspunkt.

Dem Ensemble legt Generalmusikdirektor Patrik Ringborg einen fein gewebten Klangteppich aus. Nach einer leider zähflüssigen Ouvertüre kommt das Stück immer besser in Schwung, das Klangbild aus dem Orchestergraben wird zunehmend plastisch. Im Einklang mit der feinsinnigen Inszenierung vermeidet Ringborg das Pathos eines „Kinderstubenweihfestspiels“ - wie die Oper wegen ihrer Wagner-Nähe gelegentlich tituliert wird. Freudiger Applaus.

Nächste Vorstellungen am 15., 17., 21., 22. und 25.12. Karten: Tel. 0561 / 1094-222. www.staatstheater-kassel.de

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