„Schoßgebete“ bewegt mit seinen authentischen Anteilen, der Rest lässt einen kalt

Charolotte Roches neues Buch: Selbstentblößung als Therapie

Ihr Buch sorgt für Aufregung: Moderatorin und Autorin Charlotte Roche. Foto:  dpa

Fuck, wie ich Aufregung hasse hasse hasse“, lässt Charlotte Roche ihre Heldin Elizabeth sagen - doch natürlich ist der Roman, der um diese 33-jährige Neurotikerin kreist, genau dazu da: Aufregung zu erzeugen.

„Der neue Bestseller“ kündigte der Piper-Verlag das Werk vor Monaten an - als noch nichts erschienen oder gar verkauft war. Mit 500 000 Exemplaren ist das Buch nun auf dem Markt - ein Verlagsrekord. Das muss also unbedingt ein Erfolg werden.

Am literarischen Wert oder faktischen Inhalt des Romans wird es kaum liegen. In einem Zeitraum von drei Tagen klinken sich Leser ins Alltagsleben und vor allem in die Gedanken dieser Elizabeth ein. Sie kocht fürs Kind, geht zur Therapie, entdeckt Spinnweben an der Decke, fantasiert sich in Todessehnsucht hinein, denkt über Sex nach, hat Sex.

Das Buch beginnt mit einer 15-seitigen Oralsex-Szene, Leser erleben quasi in Großaufnahme jedes Detail einer mündlichen Beglückung mit - bis zum eingetrockneten Urintropfen an der Vorhaut. Schon diese Platzierung wirkt wie Kalkulation. Denn „aufgeilend“, wie die Autorin selbst einmal über literarisierte Erotik sprach, ist hier nichts. Die Szene wirkt eher nüchtern-beobachtend wie aus einem Ratgeberbuch für Oral-Novizinnen. Im Grunde zeigt sich schon hier Roches didaktischer Gestus, der sich an vielen Stellen bemerkbar macht: Sie möchte anderen etwas beibringen. Die nonchalante Umgangssprache („Fuck, ich weiß, es gibt Gründe, immer habe ich Gründe für die Scheiße“) ist kaum durchgestaltet.

Es geht trotz des saftigen Einstiegs viel weniger um Sex und die intimen Bähbäh-Details, die beim Vorgänger „Feuchtgebiete“ noch weithin schockten. Das Buch ist vielmehr die Selbstentblößung einer angst- und aggressionsgetriebenen Verzweifelten.

Vorab wird betont, dass der Roman auf einer „wahren Begebenheit“ basiere. Sicherlich unterscheiden sich die Autorin und ihr literarisches Ich. Aber es ist schon auffallend, wie kalt einen jene Szenen lassen, die um eben diese Begebenheit herumgebaut sind.

Und wie sehr das bewegt, was tatsächlich geschehen ist. Elizabeth hat (wie Roche selbst) bei einem Autounfall drei Brüder verloren, ihre Mutter wurde schwer verletzt. Die Fahrenden waren auf dem Weg zur Hochzeit von Elizabeth/ Roche. Wie schafft man es als Überlebende zurück in ein halbwegs normales Leben? Wie Charlotte Roche dieses Ringen beschreibt, die Seelenqualen, die Selbstvorwürfe, diesen Abgrund, der eigentlich nie mehr zu verlassen ist - das geht unter die Haut. Hier überzeugen Aufbau, Timing, Spannungsbogen. Das Erzähl-Ich zeigt seine Wunden in einem schmerzhaft-schönen Akt der Selbstbefreiung: Das Buch als Therapie.

Die Pseudokonflikte, die die 283 Seiten sonst füllen (größere Brüste haben wollen) sind demgegenüber Füllmaterial.

In ihren Fundamentalschock ordnet sich auch Elizabeths Sexfixiertheit ein: „Fick mich ins Leben zurück“. Und ihre Prinzipienreiterei, die sie zur Missionarin werden lässt: Sie erteilt Ratschläge zur Erziehung, zum Zwiebelschneiden, gegen Hallux Valgus, für richtige Deo-Benutzung, politisch-korrekte Hiphop-Musk von Jan Delay und (hier sind wir doch im Bähbäh-Fach) die Reinigung nach dem Stuhlgang.

Charlotte Roche: Schoßgebete, Piper, 283 S., 16,99 Euro, Wertung: !!!::

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.