Selten gespielte Verdi-Oper „Luisa Miller“ in Kassel

Was wächst da über den Köpfen? Die Dorfbevölkerung (Opernchor) unter einem hängenden Baumkonstrukt. Fotos: Klinger

Kassel. Bis das Gift getrunken ist: Dominique Mentha inszeniert, Anja Bihlmaier dirigiert in Kassel Verdis "Luisa Miller". Herausragend ist Nicole Chevalier in der Titelrolle.

Kassel. Da keimt etwas. Während der Ouvertüre zu Giuseppe Verdis Oper „Luisa Miller“ entrollen sich in einer Großprojektion zarte grüne Blätter. Im dritten Akt dann, wenn das eingängige Orchestermotiv aus der Ouvertüre seinen tragischen Charakter enthüllt hat, wird ein – der? – Baum mit endlosen Axthieben gefallt. Das Gift ist getrunken, das Verhängnis hat sich vollzogen, und statt des operesken Endes mit einem letzten Mord und herumliegenen Leichen sehen wir Luisa davonstürmen.

Es ist das innere Drama dieser Frau, Luisa, die Regisseur Dominique Mentha in seiner Kasseler Inszenierung in starke Bilder fasst – nah an der Handlung, oft aber abkippend in albtraumhaft-surreale Szenerien. Die von Roland Olbeter gestaltete Bühne wird beherrscht von einem beweglichen hängenden Baumkonstrukt, in dem per Videoprojektion nicht nur Blätter und Blüten gefangen sind, sondern auch Ungeziefer und – anfangs – der Intrigant Wurm. In einem Traum darf eben nomen omen sein.

Ratlos: Nicole Chevalier (Luisa) und Bassem Alkhouri (Rodolfo).

Und weil Verdis Adaption des Schiller-Dramas „Kabale und Liebe“ in Tirol spielt, hat Ursina Zürcher die Figuren fantasievoll als Bergler kostümiert. Regisseur Mentha gelingt es, in einer Mischung aus Stilisierung (der Chor der Dörfler), Überzeichnung (der buchstäblich über die Bühne kriechende Wurm) und harter Dramatik die Personen aus der Maschinerie des bloßen Handlungsablaufs zu lösen und als Charaktere unter die Lupe zu nehmen.

Dabei kann er sich auf Verdi berufen, der sich hier über manche Opernkonvention hinwegsetzt, etwa mit einem surreal abgedrehten A-cappella-Quartett im zweiten Akt. Es ist ja auch kaum auszuhalten, was Luisa erlebt, die hier auch als beobachtende stumme Figur in den Szenen zugegen ist, da Wurm und der Graf Walter ihre Intrige gegen ihre Verbindung mit Rodolfo spinnen.

Wie subtil und gleichzeitig virtuos und stimmgewaltig Nicole Chevalier die psychischen Regungen des anfangs noch naiv-verliebten Mädchens zum Ausdruck bringt, ist pures Opernglück. Intensiver kann Zerrissenheit nicht klingen als in der Arie „Bestrafe mich, o Herr“, als Luisa von Wurm zum Schreiben des Briefs erpresst wird, in dem sie ihre Liebe zu Rodolfo verleugnen muss.

Bassem Alkhouri, der für den erkrankten Gast-Tenor Rafael Roja die Premiere sang, betont mit seiner klaren, samtigen Tenorstimme die Leiden des ungestümen Liebenden. Ein gefährlicher Bass-Bösewicht, wie er im Buche steht, ist Mischa Schelomianski als Wurm, während Sebastian Noack als Luisas Vater eine feine Balance zwischen Aufbegehren und Resignation findet.

Mit Grandezza verkörpert Ulrike Schneider die Rodolfo zur Frau bestimmte Herzogin Federica – samt eindruckvoller Wutszene nach der kränkenden Zurückweisung durch Rodolfo. Weniger als gewalttätigen Tyrannen denn als schuldbewussten Zweifler zeichnet Hee Saup Youn mit sonorem Bass den Grafen Walter. Marta Herman als Laura, Hyunseung You als Bauer und der stets präsente Opernchor runden die erfreuliche vokale Leistung ab.

Kassels Erste Kapellmeisterin Anja Bihlmaier erzeugt mit ihrem engagierten Dirigat eine hohe Spannung, könnte aber mit Blick auf die Sänger noch mehr auf Intensität als auf Kraftentfaltung setzen.

Warum diese Oper, in der sich Verdis frühe Meisterschaft zeigt, in Kassel jahrzehntelang nicht gespielt wurde, ist kaum zu verstehen. Am Ende gab es viel Beifall im ausverkauften Opernhaus – samt einiger kraftvoller Buhs für die Regie. Immerhin: Kalt scheint diese Inszenierung keinen zu lassen.

Wieder am 21. und 25.12., Karten: Tel. 0561/1094-222, www.staatstheater-kassel.de

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