In Potsdam gibt die Ausstellung „Friederisiko“ Einblick in das Privatleben Friedrichs des Großen

Senf im Kaffee, Socken im Bett

Friedrich II. als Freund der Musen: In alter Pracht zeigt sich das Musikkabinett im Neuen Palais. Fotos: Preussische Schlösser und Gärten/nh

Potsdam. Seinen Kaffee hat er gern mit einem Teelöffel Senf eingenommen, und im Bett lag er nie ohne Socken, Kopfbinde und Hund. So risikofreudig, sich zu erkälten, war Friedrich der Große dann doch nicht. Trotz schönster Kachelöfen waren die Schlösser nicht so warm, dass der König auf eine lebende Wärmflasche hätte verzichten wollen.

Dass es im 18. Jahrhundert keine Zentralheizung gab, merken auch die Besucher der großen Jubiläumsschau „Friederisiko“ zum 300. Geburtstag des Regenten in Potsdam am Originalschauplatz. Bei frühsommerlichen Temperaturen draußen ist es im Neuen Palais kühl. Auf Stegen, die den Parkettboden schützen, bewegt man sich durch das von Friedrich selbst gestaltete Gesamtkunstwerk im Park Sanssouci.

Eine Ausstellung nicht im Museum, sondern in den Räumen des Herrschers ist etwas Besonderes. Sie atmen den Geist des Königs. Der war bekanntlich nicht nur „der Große“, sondern auch ziemlich speziell. Er mochte keine Frauen, die Tänzerin Barberina mal ausgenommen, brach aber auch mit seinen Freunden. Bei vielen, mit denen er sich überworfen hatte, entschuldigte er sich erst, als sie tot waren. Etwa bei seiner Schwester Wilhelmine, der er nach ihrem Ableben den Freundschaftstempel im Park widmete.

Ein Gewissen hatte der Schwierige, den manche mit Achill verglichen, dem bis auf die Ferse Unverwundbaren, anderen mit dem homosexuellen Ganymed, also doch. Ambivalent wie er war, schrieb der Menschenverächter 1745 nach einer Schlacht: „Mich jammern die Toten und Blessierten unendlich.“ Zitate wie dieses schmücken die 72 Räume des labyrinthisch verwinkelten Schlossrundgangs. Es gibt verschiedene Eingänge und Möglichkeiten, sich die elf Themenkomplexe zu erwandern.

Rund 6000 Quadratmeter lassen sich abschreiten, authentisches Mobiliar, ergänzt durch 450 Leihgaben. Mit seinen Zitaten an den Wänden führt der König quasi selbst durch seine Gemächer, die er von 1769 bis zu seinem Tod 1786 nur wenige Wochen im Jahr bewohnte. Vorbei an prächtigen Standuhren aus Paris, seinem Puderzerstäuber und einem preußischen Offizierszelt führt der Weg.

Die berühmte Querflöte aus dunklem Holz ist ebenfalls zu besichtigen. Die Schau stellt einen sehr persönlichen, privaten Friedrich II. vor, holt ihn ein wenig vom Sockel. Die Flöte sieht zwar einfach aus, doch liebte er es manchmal durchaus exotisch und üppig, beim Essen etwa. So ließ er sich ein paar Kirschen im Winter schon mal für 400 Taler heranschaffen. Das Jahresgehalt seines Gärtners betrug 20 Taler!

In den aufwendig restaurierten Sälen und Kabinetten des Schlosses - ein Drittel davon ist überhaupt zum ersten Mal zu sehen und danach so bald nicht wieder - sowie ausgewählten Teilen im Park von Sanssouci kann man sich nun ein Bild des Kirschenfreundes und Gartenfans machen.

Dass der Kriegsführer und Musenfreund im Gegensatz zu anderen Herrschern - etwa den Kollegen in Versailles - keine Jubel-Porträts von sich oder der Verwandtschaft an den Wänden duldete, nicht mal sein Monogramm im Schloss hinterließ, erscheint ungewöhnlich.

Als jungen Mann mit zwei Gesichtern hat sein Vater, der Soldatenkönig, den renitenten Sohn bereits 1736 gemalt. Mit seinem Kopf und einer Maske, die wir nie ganz durchschauen, übt Friedrich II. eine Faszination aus, die bis heute anhält. Laut Jürgen Luh, dem wissenschaftlichen Leiter der Ausstellung, „ein König und Mensch, nicht ein König und Gott“.

Bis 28.10. im Neuen Palais im Park Sanssouci, Potsdam. Mo/Mi/Do 10-19 Uhr. Fr/Sa 10-20 Uhr. Eintritt 14 Euro.

Von Andrea Hilgenstock

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