Schwieriges sieht leicht aus: Andreas Doraus erstaunliches Album „Todesmelodien“

Sein „Fred vom Jupiter“ ist lange her: Andreas Dorau singt aber nicht nur für melancholische Mittvierziger und begeisterte Musikkritiker. Foto: Staatsakt/nh

Single, man nennt dich Single / Du nennst dich Single / Und dein Leben dreht sich im Kreis“. Nicht wahr? Ein originelles Bild hat Andreas Dorau da entworfen. Ein melancholisches Bild, denn bevor es zum hymnischen Disco-Glam-Refrain kommt, singt der 47-jährige Hamburger, eingestimmt von einem herrlichen „Aaah-aaah-aaah-ah“ aus weiblicher Kehle: „Du hast zwar eine schöne Hülle / Doch deine Seele, die ist schwarz / Deine Zahl ist Fünfundvierzig / Und du glaubst bereits, das war’s.“

Tatsächlich: Die Zeit der Single ist vorbei. Und wie steht’s um unsere Midlife-Crises-Gebeutelten, von denen der Song auch erzählt? Ihre Gedanken drehen sich zusehends um Endlichkeit und Vergänglichkeit - der Tod rückt ihnen langsam auf die Pelle. Die Armen.

Es ist die hohe Kunst des Texteschreibens, die im Stück „Single“ gleißend hell wie großes Pophandwerk aufscheint, schlicht weil es sich um solches handelt. Eine Kunst, die darin besteht, Sauschwieriges kinderleicht aussehen zu lassen. Subtiler Humor, über den man wie versehentlich stolpert, kommt hinzu.

Doraus achtes Studioalbum, auf dem er mit befreundeten Musikern (Mense Reents, Jakobus Siebels, Inga Humpe) einmal mehr refrainstarken Discopop, NDW, Kunstliedpop und House souverän zu verbinden wusste, trägt den programmatischen Titel „Todesmelodien“.

Wenn Dorau erzählt, er könne nur alle fünf oder sechs Jahre ein Album veröffentlichen, da es eine halbe Ewigkeit braucht, bis er genug Texte beisammen hat, ist das also nicht so sehr eine Konsequenz von Trägheit, sondern eine des eigenen Anspruchs. Ab und an muss deshalb der tolle Berliner Autor Wolfgang Müller ran. Laut Dorau benötigt Müller für einen Songtext ungefähr eine Stunde.

Dorau, dem wir den NDW-Überhit „Fred vom Jupiter“ (1981) verdanken, ist aber niemand, der auf Teufel komm raus Geld mit Musik machen muss. Er hat Film studiert, schreibt Drehbücher und arbeitet als Video-Consultant, unter anderem für Xavier Naidoo. Musik ist Doraus zweites Standbein. Erfolg ist trotzdem eine feine Sache fürs Künstlerego; wenngleich der sich in den letzten Jahren auf gute Kritiken im Popfeuilleton beschränkte.

Dorau ist nicht „out“, aber „in“ auch nicht. Gerade weil der Mann kein Zeitgeistphänomen ist, kann er vermutlich sehr lange so weitermachen.

Zumal mit dieser seltsamen Stimme, die noch heller und jungenhafter, regelrecht kindlich zu werden scheint. Sie singt uns von Unfallgedenkstellen („Es war hell“) oder vom Pflegeheim („Ausruhen“) und die ungewöhnliche Ambivalenz aus kindlichem Klang und nachdenklicher Bedeutung ist ziemlich einmalig und wahrlich grandios.

Andreas Dorau: Todesmelodien (Staatsakt / Rough Trade). Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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