Der 11. September in den Künsten

Auch Künstler haben die Attentate vom 11. September 2001, die sich am Sonntag zum zehnten Mal jähren, nicht losgelassen. Vom Spielfilm über den Popsong bis zum Gemälde und Roman - sie haben die grauenhaften Ereignisse selbst und ihre Folgen künstlerisch verarbeitet. Wir geben einen Überblick.

Fallender Mann als Symbol

Literarische Nachbeben nach dem 11.9.

Muss sich Literatur vorstellen, wie es sich für einen Vater mit seinen beiden Söhnen anfühlt, in der 106. Etage des Nordturms im Restaurant „Windows of the World“ zu sitzen, während darunter ein Flugzeug ins Gebäude rast? Frédéric Beigbeder, französischer Skandalautor, hat es in seinem 2003 erschienenen Roman „Windows of the World“ versucht und ist damit nach einhelliger Kritikermeinung gescheitert. Sein Minutenprotokoll in 109 Kapiteln ist gleichzeitig zynisch und banal - ausgedachter Schrecken. Bücher, die sich dem Thema indirekt nähern, erfassen dagegen auch die anhaltenden Zerstörungen des 11. Septembers.

Zum Beispiel Don DeLillos „Falling Man“ von 2007. Seine Hauptfigur entkommt zwar den brennenden Türmen, wird aber zum sozialen Wrack. Der Roman vermeidet aber schnelle Schlussfolgerungen - und projiziert den Schrecken in die Aktion eines Künstler, der das Bild eines in den Tod springenden Mannes (falling man) nachspielt. In seinem Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ von 2005 verbindet Jonathan Safran Foer die Ereignisse des 11. Septembers mit der Bombardierung Dresdens. Die Geschichte eines neunjährigen Jungen, der dem sinnlosen Tod des Vaters hinterherforscht, weitet sich ins Historische. (w.f.)

Bloß kein Ob-La-Di

Der Terror veränderte die Popmusik in den USA

Es klingt zynisch, aber es ist nicht ganz falsch, wenn man sagt: Enya ist eine Gewinnerin des 11. September. Die irische New-Age-Sängerin landete ihren größten Hit, nachdem der Radiosender KIIS in Los Angeles ihre Ballade „Only Time“ mit Berichten über den monströsen Terror unterlegt hatte. Ansonsten ist es auch nicht falsch, wenn man sagt: Nach dem 11. September war im Pop nichts mehr wie zuvor.

Die linke Hippie-Ikone Neil Young schrieb mit „Let’s Roll“ eine patriotische Hymne auf die Passagiere von „Flug 93“. Und die Band The Strokes musste ihren Song „New York City Cops“ von ihrem Debütalbum entfernen, denn Kritik an der Polizei war nicht mehr erlaubt. Die Radiokette Clear Channel Communications setzte gar 150 textlich fragwürdige Lieder auf den Index, darunter alle Songs von Rage Against The Machine und „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ von den Beatles - vermutlich weil O-B-L die Initialen von Osama bin Laden sind. Ebenfalls auf der Liste stand Bruce Springsteen. Trotzdem blieb der Boss kritisch und setzte sich 2002 auf einem ganzen Album („The Rising“) mit dem Terror auseinander. (mal)

Emotion und Satire

Filmemacher und ihr Blick auf den Anschlag

Satirisch-böse, emotional-packend und dokumentarisch unterfüttert: Die drei wichtigsten Kinofilme zu den Ereignissen am 11. September 2001 fächern sich auf ganz verschiedene Filmstile auf. Am stärksten auch politisch beachtet wurde die Doku-Satire „Fahrenheit 9/11“ von Regie-Provokateur Michael Moore. Er bekam für die Arbeit, die die Verstrickung der Familie des Präsidenten George W. Bush mit der von Osama Bin Laden beleuchtet, einen der weltweit wichtigsten Preise: Die Goldene Palme des Festivals in Cannes 2004. Oliver Stone („Platoon“, „Wall Street“), hat mit „World Trade Center“ 2006 einen auf Emotionalität und Spannung angelegten Film vorgelegt, der von Rettungskräften erzählt.

Nicolas Cage spielt nach wahrer Vorlage den Polizisten John McLoughlin, der bei einem Evakuierungseinsatz unter Trümmern verschüttet und spektakulär gerettet wird. Paul Greengrass realisierte „Flug 93“ ebenfalls 2006. Mit viel Improvisation von betroffenen Laien vor der Kamera wird das Geschehen an Bord eines der gekaperten Flugzeuge vermittelt. (fra)

Böse, aber auch atemberaubend

Der Künstler Touhami Ennadre zeigte bewegende Schwarz-Weiß-Fotos trauernder Menschen.

Okwui Enwezors Documenta11 in Kassel fand 2002 nur ein Dreivierteljahr nach dem 11. September statt. Touhami Ennadre zeigte bewegende Schwarz-Weiß-Fotos Trauernder (unser Bild). Es gibt jedoch nur wenige Künstler, die unmittelbar auf die Anschläge reagierten. Gerhard Richters Gemälde „September“ zeigt ein abgemaltes Foto der brennenden Türme, das mit wilden Pinselstrichen übermalt ist: Ausdruck von Zerstörung, Vernichtung. Der Fotokünstler Thomas Ruff hat Bilder von „Nine Eleven“ verpixelt und so abstrahiert.

Die beispiellose mediale Verbreitung und Wirkung des Attentats hat viele Künstler beschäftigt. Anselm Kiefer sagte, Osama Bin Laden habe „das perfekteste Bild geschaffen, das wir seit den Schritten des ersten Mannes auf dem Mond gesehen haben“. Damien Hirst sprach vom „Kunstwerk“, dessen visuelle Wirkung genau komponiert war, „böse“, aber „atemberaubend“, von schrecklicher Schönheit. Er entschuldigte sich später, wie Komponist Karlheinz Stockhausen, der vom „größten Kunstwerk“ gesprochen hatte, „das es überhaupt gibt für den Kosmos“. (vbs/dpa)

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