Am Kasseler Staatstheater feierte die Rossini-Oper „Il barbiere di Siviglia“ als hochtourige Komödie Premiere

Sevilla liegt jetzt in Italien

Hier wird einer im doppelten Sinne rasiert: Figaro (Marian Pop, links) und sein Opfer Doktor Bartolo (Marc-Olivier Oetterli). Fotos Klinger

Kassel. Sevilla oder Kassel – Hauptsache Italien. So könnte in Abwandlung eines Fußballer-Zitats das Motto der Kasseler Neuinszenierung von Rossinis Erfolgsoper „Il barbiere di Siviglia“ (Der Barbier von Sevilla) lauten. Kaum ein Italien-Klischee bleibt ausgespart bei der musikalischen Posse, die Regisseurin Adriana Altaras in rasanten zweidreiviertel Stunden auf Kassels Opernbühne stemmt.

Mit einem Vespa-Roller schießt Figaro (Marian Pop) zu Beginn auf die Bühne, und am Ende, wenn das junge Paar den Ehevertrag unterschrieben und so die Heiratspläne des alten Doktor Bartolo (Marc-Olivier Oetterli) mit seinem reichen Mündel durchkreuzt hat, sitzen alle gemeinsam am Bühnenrand und mampfen Spaghetti. Buon appetito!

Nicht allen im ausverkauften Haus schmeckte allerdings das stark mit Gags gewürzte Opern-Gericht. Viele jubelten, andere nahmen die Inszenierung reservierter auf. Dabei hat die Regisseurin den Komponisten Gioachino Rossini auf ihrer Seite, wenn sie die Form der Opernkomödie überdreht und damit ironisiert. Dasselbe geschieht auch in der Musik, die nicht nur mächtig aufdreht, sondern auch mit allerlei harmonischen Überraschungen und kaum zu singenden Extrem-Koloraturen das Buffo-Genre auf die Spitze treibt.

Wie durch ein Vergrößerungsglas blickt das Publikum auf das Haus des Doktor Bartolo, das Bühnenbildner Valentin Köhler aus einer miniaturisierten italienischen Stadtlandschaft heraushebt. Was sich hier an schrillen Figuren (Kostüme: Yashi) herumtreibt, bildet die Kulisse für eine klassische Liebes-Intrige, deren Akteure aber doch zu erkennen geben, dass sie mehr sind als bloß Komödien-Stereotypen.

Allen voran Marian Pop als Figaro, ein durchtriebener Bursche mit Hals-Tattoo, der sich auch stimmlich mit der berühmten Faktotum-Arie ins Zentrum rückt und mit seiner überragenden Bühnenpräsenz zum Motor des Geschehens wird. An Raffinesse steht ihm Bénédicte Tauran als Rosina kaum nach. Doch sie bezaubert auch mit lyrischen Tönen, sicherer Höhe und blitzsauberen Koloraturen. Natürlich vor allem den Grafen Almaviva. Bassem Alkhouri zeichnet ihn als schwer verliebten, etwas unbedarften, aber durchaus standesbewussten Sympathling, der mit seinem feinen und koloratursicheren Tenor nicht nur bei der Geliebten Wirkung erzielt.

Marc-Olivier Oetterli bewahrt mit komödiantischem Talent dem geprellten Doktor Bartolo eine spaßige Würde und beeindruckt mit rasantem Parlando-Gesang. Hee Saup Yoon unterstützt ihn als Vertrauter Don Basilio mit sonorem Bass. Eine witzige Charakterstudie bietet Ani Yorentz mit klarem Sopran als leicht prollige, liebessehnsüchtige Haushälterin Berta. In den kleinen Rollen überzeugen Ji Hyung Lee als Fiorello, Nikolas Wach als Ambrosio und Andrzej Tymczuk als Offizier ebenso wie die Herren des Opernchors.

Für die Tiefendimension des Abends sorgt wesentlich Yoel Gamzou am Dirigentenpult. Dem Ersten Kapellmeister, dessen Abschied man nach dieser Vorstellung noch mehr bedauern mag, gelingt es, der Musik Rossinis durch flexibles Agieren alles Maschinenhafte auszutreiben. Die Sänger begleitet er spannungsvoll, aber dezent. Und er gibt neben der Dramatik auch der lyrischen Versenkung genügend Raum. Eine zeitgemäße Rossini-Sicht, die mit viel Beifall belohnt wurde.

Wieder am 19., 20. und 28. Februar.

Von Werner Fritsch

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