Uraufführung „Rotlicht“: Um Sex allein geht es nicht

Sexarbeiterinnen und ihre Geschichten: Es spielen (von links) Imme Beccard, Denia Nironen, Franziska Roloff, Nadine Nollau, Stefany Dreyer und Angelika Fornell. Vorn die Musikerin Insa Rudolph. Foto: Winarsch

Göttingen. Die Aufforderung ist unmissverständlich: „KOMM“, locken warm leuchtende Lettern von der Bühne des Deutschen Theaters in Göttingen, dann wird die Telefonnummer der hinter großflächigen Glasscheiben mit den Hüften kreisenden Frau eingeblendet.

Musik setzt ein und verrät den Namen der knapp bekleideten Dame: Es ist Maria, und Maria möchte angerufen werden, jetzt, auf dieser Bühne. Also tanzt sie, bis das Telefon klingelt und sich am anderen Ende der Leitung ein Freier meldet. Der Freier, das ist hier das Publikum des Dokumentar-Theaterstücks „Rotlicht“ der „werkgruppe2“, das am Samstag uraufgeführt wurde. Es gewährt sehr persönliche Einblicke in ein Gewerbe, das sich sonst in den Mantel der Heimlichkeit hüllt: die Prostitution.

Ein halbes Jahr lang sind Regisseurin Julia Roesler und die Dramaturginnen Silke Merzhäuser und Anna Gerhards durch Deutschland gereist und haben Frauen interviewt, die als Sexarbeiterinnen Teil einer jährlich 15 Milliarden Euro erwirtschaftenden Branche sind.

Aus den gesammelten Erfahrungsberichten ist, musikalischen untermalt von Insa Rudolph, ein Stück entstanden, das mit erfrischender Ehrlichkeit neun Lebensgeschichten erzählt, etwa die der selbstbewussten Barbara aus Bayern (Franziska Roloff), die den Beruf „spannend“ findet, oder die der Bulgarin Sveta (Imme Beccard), die einfach kein Geld hatte, um ihre Kinder zu ernähren.

Für Prüderie hat niemand Zeit, das Geschäft ist hart, also nennt man das Kind beim Namen und sich selbst Hure, das ist unmissverständlich. Ohnehin schämt sich keine der Frauen für ihren Beruf, den fast alle des schnellen Geldes wegen gewählt haben: „Wir brauchen die gefallenen Mädchen doch, damit unser Moralgefüge funktioniert“, sagt Domina Katharina (Nadine Nollau) und berührt damit den analytischen Kern des Stücks: Die Doppelmoral einer sich aufgeklärt gebenden Gesellschaft, in der Prostitution zwar rege in Anspruch genommen, gleichzeitig aber geflissentlich tabuisiert wird.

Hier setzt die Inszenierung an: Meist ist es ein schräger Humor, mit welchem dem Publikum mal behutsam, mal mit pragmatischer Schroffheit die Berührungsängste genommen werden. Etwa wenn die unbekümmerte Yvonne (Stefany Dreyer) erzählt, dass sie einen ungepflegten Kunden fast liebevoll „Stinkeheiner“ nennt, oder wenn dem Kinderlied „Hoppe, hoppe, Reiter“ inmitten von Plateausandaletten und Leuchtstoffröhren plötzlich eine ganz neue Bedeutung zukommt.

Der Lächerlichkeit preisgegeben werden die allesamt großartig dargestellten Charaktere nie, vielmehr verleiht die feinfühlige Inszenierung ihnen eine Stimme und ermöglicht so den Zuschauern einen neuen Blick auf die Welt der Prostitution. Denn um bloßen Sex geht es selten. Vielmehr steht die zwischenmenschliche Begegnung im Vordergrund, das oft therapeutische Eingehen der Frauen auf männliche Bedürfnisse, das Entstehen von Machtstrukturen und Geschäftsbeziehungen, aber auch die Gratwanderung zwischen Bühnenspiel und Authentizität.

Die Charaktere und ihre Geschichten sind so vielschichtig wie die Gesellschaft selbst. Und natürlich geht es auch um Menschenhandel und Zwangsprostitution, um dreißig Freier in einer Nacht, um innerliche Leere und Gewalt. Vor allem aber geht es um eines: Würde.

Minutenlange Standing Ovations für wertvolles Theater.  Wieder am 11., 17. und 23.4., Karten: Tel. 0551 / 49 69-11

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