Rockiges Sommermusical des Kasseler Staatstheaters unter freiem Himmel: „The Black Rider“

Kassel. Der Teufel, das sind in der Kasseler Karlsaue sieben Männer in schwarzen Anzügen. Elegant humpeln sie auf Schuh und Pferdefuß herbei, Goldzähne gleißen im Fackelschein.

Der Teufel spricht mit siebenfacher Stimme, er umringt Wilhelm, verführerisch umtanzt er ihn und drängt ihm die magischen Freikugeln auf.

Damit die Flinte trifft, die Tiere des Waldes nicht mehr über den Büro-Schwächling lachen und die Herzensdame endlich Ja sagt.

Robert Wilsons Musical „The Black Rider“ erzählt die Freischütz-Sage zu schwelgerischer Rockmusik von Tom Waits. Patrick Schlösser inszeniert das Stück fürs Kasseler Staatstheater als opulente Nummernrevue unter freiem Himmel.

Wir befinden uns auf einem nostalgischen Jahrmarkt. Gaukler und Huren treiben sich auf den Bühnenbrettern herum, dem Oberhaupt (Franz Josef Strohmeier) verleiht sein Zylinder die Grandezza eines Zirkusdirektors. Als Darbietung dieser schrägen Truppe zwischen Schlangenmensch und Feuerspucker entrollt sich die Geschichte vom verliebten Wilhelm (Peter Elter), der sein Käthchen (Christina Weiser) nur mit einem Jagderfolg gewinnen kann. Er lässt sich mit dem dämonischen Stelzfuß ein - und die Katastrophe naht. Das furiose Teufel-Team sind Bernd Hölscher, Enrique Keil, Sebastian Klein, Aljoscha Langel, Thomas Meczele, Michele Meloni und Frank Richartz.

Die sieben kommen pfeifend aus dem Wald stolziert und schleppen kindskopfgroße Kugeln an. Auch haben sie als Gewehr ein überdimensionales Rohr dabei. Wer kann schon einem solch potenten Versprechen widerstehen?

Michael Langeneckert choreografiert die Bewegungen der 23 Mitwirkenden in großen Ensembleszenen auf und über der Bühne sowie unter den dahinter stehenden Bäumen. Die immer dann sichtbar werden, wenn sich der rote Vorhang in die Nacht hinaus öffnet: nebelumflort, märchenhaft. Toll gestaltet sind etwa der orgiastische Kollektivrausch und die Schuss-Szene zwischen Wasserfall und Lagerfeuer (Bühne: Daniel Roskamp).

Die Tänzer des Staatstheaters zeigen sich als Huren und Waldgetier, Eva Mohn etwa trägt zum roten Kleid einen zierlichen Hirschkopf (Kostüme: Ulrike Obermüller).

Das macht viel Spaß, ist schön schräg, aber nie trashig, und vor allem musikalisch eine Freude. Wolfgang Siudas Arrangements der Tom-Waits-Musik für die fünfköpfige Band lassen vielfältige Klangfarben aufleuchten. Zirkusnostalgie, ein morbider Walzer, pulsierende Jazzbeats, das obligatorische Liebesduett. Das begeisterte Premierenpublikum spendete viel Szenenapplaus. Die Sprechtexte William S. Burroughs’ im deutsch-englischen Sprachenmix („I say no and nein“) treten demgegenüber in den Hintergrund.

Gesanglich ragen aus dem Ensemble heraus: Peter Elter im charmanten Liebes-Größenwahn, Franz Josef Strohmeier mit dem berühmten Titel „November“, hier ganz weich und zart gesungen, die Stelzfüße chorisch perfekt und strotzend vor sexy Männlichkeit sowie Daniel Scholz als Wilhelms Jägerfreund Robert. Wenn der zur singenden Säge das dreckig-raunende „Flash Pan Hunter“ anstimmt, meint man Tom Waits grinsend grüßen zu hören.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.