Shakespeare fürs Zwerchfell: Premiere am Jungen Theater Göttingen

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Kampf mit Schwertern: Philip Leenders (von links), Jan Reinartz und Michael Rautenberg bringen in eineinhalb Stunden die Essenz des Gesamtwerks von William Shakespeare auf die Bühne des Jungen Theaters in Göttingen. Foto:  Eulig

Göttingen. „Kennen Sie Shakespeare? Ich meine, kennen Sie seine Werke wirklich?“ Die Schauspieler Jan Reinartz, Michael Rautenberg und Philip Leenders sind da skeptisch. Behaupten sie zumindest, nachdem sie das Publikum vor der Premiere ihres Stücks mit dieser Frage konfrontierten. Im Zeitraffer wollten sie dem abhelfen und den Besuchern „Shakespeares sämtliche Werke“ nahebringen.

An einem einzigen Theaterabend wohlgemerkt, „leicht gekürzt“, wie im Untertitel im Programmheft zu lesen war. Angesichts 37 abendfüllender Stücke mit insgesamt 1834 Rollen und 154 Sonetten, die Shakespeare zu Papier gebracht hat, ein Anliegen, das nach einer rasant verrückten Inszenierung (Regie: Dirk Böther) geradezu schreit.

Die gefeierte Premiere am Dienstagabend im fast ausverkauften Jungen Theater in Göttingen entsprach dieser Erwartung in jeder Hinsicht. Komik, Klamauk, Rasanz und jede Menge Verrücktheiten waren Trumpf. Bis hin zu Regieanweisungen („das Schwert, nimm das Schwert“), kleinen Ärgernissen, wie sie in Proben auftauchen („du bist noch gar nicht dran“) oder bewusst inszenierten kleinen Pannen („nee, diese Rolle spiel’ ich nicht“) ging das. Dennoch verwoben die Darsteller ihren Bühnenspaß immer wieder auch mit ernsthaft gespielten Szenen und prächtiger Schauspielkunst. Ein Kontrast, der das Publikum begeisterte.

Da neigt sich Romeo über seine als verstorben vermutete Julia, will sie ein letztes Mal küssen, und die - in diesem Fall auch er, nämlich Michael Reichenberg - dreht rasch den Kopf zur Seite. Da werden Heinrich IV., VI. und VIII. zusammen mit König Johann zu Gegnern auf einem imaginären Fußballfeld, Macbeth auf ein Zehn-Minuten-Maß im Monty-Python-Stil gestutzt und Othello als Rap serviert. Als Requisiten dienen Pfannen, Holzschwerter, Campingkocher und Perücken, mit Vorliebe schief aufgesetzt.

Höhepunkt Hamlet

Zum Abschluss und als Höhepunkt: Hamlet. Ebenfalls in einer ganz speziellen, sehr geschrumpften und überaus unterhaltsamen Version. Mehr soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden. Und des Künstlers Ziel? „Sämtliche Werke von Shakespeare!“ Nachgezählt hat sicher niemand, aber ob es denn wirklich alle Shakespeare-Werke waren, die da zu dessen 450. Geburtstag über die Bühne brausten, war auch nicht wirklich von Bedeutung. Was zählte, war der ganz spezielle Charme, und der erfreute in dieser Form die Lachmuskeln 90 Minuten lang. Lang anhaltender Applaus.

„Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“, wieder am 6.5., 10.5., 14.5., 20.5., 6.6., 19.6., Karten: Tel. 0551/495015, www.junges-theater.de

Von Steve Kuberczyk-Stein

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