Theaterfestival

Dichten und Lieben werden eins: "Shakespeare in Love" feiert Premiere bei Hersfelder Festspielen

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Das Leben ist Theater: Königin Elisabeth (Brigitte Grothum, Mitte) bei Shakespeares Schauspieltruppe.

Bad Hersfeld. Die deutsche Erstaufführung der romantischen Komödie "Shakespeare in Love" wurde bei den Bad Hersfelder Festspielen mit minutenlangen Ovationen gefeiert

 Wenn im Gerangel der konkurrierenden Theaterleute ein Textbuch benutzt wird, um dem Gegner den Allerwertesten zu versohlen, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Worte eine Waffe sind. Die Stücke dieses noch recht unbekannten Typen – Will Shakespeare – sind schwer begehrt, vor allem, weil die darum ringenden Theaterbetreiber Henslowe (Jens Schäfer) und Burbage (Uwe Dag Berlin) dringend Dramennachschub benötigen, um Schulden zu bezahlen.

Will (Dennis Hermann) kommt mit dem Formulieren zwar überhaupt nicht hinterher, aber die Poesie der Verse, die er seinem Hirnkastl abringen konnte, klingt aufregend neu, ebenso wie der angekündigte Titel „Romeo und Ethel, die Piratentochter“. Nun muss der Schreiberling nur noch überzeugt werden, einen Hund in die Handlung einzubauen. Denn Königin Elisabeth liebt Hunde auf der Bühne.

Turbulente Verwicklungen, Slapstick, Witz, Charme und ein entzückendes Liebespaar sind die Bestandteile eines heiter-gefühlvollen Komödienabends, der das Publikum zur Premiere am Freitag in der ausverkauften Stiftsruine in Bad Hersfeld zu minutenlangen Ovationen hinriss. Antoine Uitdehaag inszeniert als deutsche Erstaufführung „Shakespeare in Love“ nach dem Filmdrehbuch von Marc Norman und Tom Stoppard.

Viola (Natalja Joselewitsch, vorn) mit ihrer Amme (Bettina Hauenschild).

Will sucht Reime, die junge Adlige Viola (Natalja Joselewitsch) sucht die Freiheit. Die ihr das Theater geben könnte – aber nicht erlaubt, denn Frauen dürfen um 1600 nun mal nicht auf der Bühne stehen. Als Mann verkleidet ergattert sie ausgerechnet die Rolle des Romeo, Will muss in der Probe kurzzeitig die Julia spielen, küsst sie, und weiß gar nicht mehr, wie ihm geschieht. Die Hauptdarsteller Dennis Hermann und Natalja Joselewitsch spielen anrührend natürlich, Wills und Violas Liebesüberschwang bezaubert ebenso wie ihr Bestreben, den Weg im Leben zu finden.

Maskenball, Balkon, die Nachtigall-oder-Lerche-Frage: Wie Norman/Stoppard Szenen aus „Romeo und Julia“ mit der Verliebensgeschichte von Will und Viola verweben und das alles mit den Theaterproben für Wills Stück verquicken, ist schonmal großartig geschrieben. Uitdehaags komödiantisch-präzises Regie-Timing und das bis in die Nebenrollen fulminant aufspielende Ensemble lassen souverän und blitzschnell zwischen größtem Gefühl und derber Komik umschalten, Ergriffenheit trifft Schenkelklopfer.

Und über allem steht die Liebe zum Wort, zum Theater, zur Kunst. „Auf dieser Bühne war ich frei“, konstatiert Viola, bevor sie, zwangsverheiratet mit dem Fiesling Wessex (Tilo Keiner), in eine traurige Zukunft aufbricht. Geldgeber Fennyman (Robert Joseph Bartl mit herrlicher Grandezza) wird über einen Miniauftritt zum Dramenliebhaber. Christian Schmidt als Bühnenstar Ned begibt sich begeistert in seine Figur des Romeo-Freunds Mercutio, auch als er begreift, dass das keine Hauptrolle ist. Und liefert furiose Fechtszenen ab (Kampfchoreografie: Klaus Figge).

Will Shakespeare (Dennis Herrmann, l.) und Christopher Marlowe (Roland Riebeling).

Kunst weist den Weg zum Ich, Reime entzünden Leidenschaft. „Was ist ein Name? Was uns Rose heißt / Wie es auch hieße, würde lieblich duften“ – auch wer nicht erkennt, an welchen Stellen überall Shakespeares Verse zum Einsatz kommen, kann sich von der unvergänglichen Strahlkraft seiner Worte entzünden lassen. Brigitte Grothum ist eine lässige Königin im Renaissance-Bombast mit tomatenroter Perücke (Kostüme: Erika Landertinger). Roland Riebeling prägt sich ein als cooler Erfolgsautor Christopher Marlowe, der Kumpel Will metapherntechnisch auf die Sprünge hilft (gleicht die Herzensdame einem Frühlingsnachmittag? nein, einem Sommertag). Sogar das Geheimnis um Marlowes Tod und die Frage, ob er womöglich untergetaucht ist und unter Shakespeares Namen veröffentlicht hat, klingt an.

Fortwährend bauen die Darsteller die vielgestaltige Szenerie (Jens Kilian) um, bis ein farbenprächtiges Bühnenportal erscheint. Es ist drehbar, so dass das Geschehen vor und hinter dem Vorhang verfolgt werden kann. Und wir begreifen: Die ganze Welt ist Bühne.

Das Stück läuft noch bis bis zum 3. September, weiter geht es schon am heutigen Sonntag, 22. Juli, um 20.30 Uhr. Karten sind erhältlich unter Tel. 06621 / 640 200 oder im Online-Shop der Hersfelder Festspiele.

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