Schauspieler Florian David Fitz im Interview über seinen Film „Vincent will Meer“

Mit sich Frieden schließen

Flucht aus der Therapie: Vincent (Florian David Fitz), der am Tourette-Syndrom erkrankt ist, mit der magersüchtigen Marie (Karoline Herfurth) - ein Szenenbild aus „Vincent will Meer“. Foto: apn

Für den Film „Vincent will Meer“, der diese Woche anläuft, hat der Schauspieler Florian David Fitz sein erstes Drehbuch geschrieben. Ralf Huettner („Die Musterknaben“) hat es in Szene gesetzt. Fitz übernimmt im tragikomischen Roadmovie selbst die Hauptrolle: Vincent ist am Tourette–Syndrom erkrankt - eine Krankheit, die durch unwillkürliche, rasche, teils heftige Bewegungen (Tics) gekennzeichnet ist. Er flüchtet mit der magersüchtigen Marie (Karoline Herfurth) und Zwangsneurotiker Alexander (Johannes Allmayer) aus der Therapie.

Wie sind Sie auf diese Krankheit, das Tourette-Syndrom, gestoßen?

Florian David Fitz: Meinen ersten Kontakt damit hatte ich vor knapp 20 Jahren, als ich in Boston studiert habe. Bei den Chorproben begleitete uns ein Pianist, der am Tourette-Syndrom erkrankt war. Der hat sich vor die Klasse gestellt und gesagt: „Ich habe Tourette. Wundert euch nicht. Das tut mir nicht weh, und ich tue euch nicht weh.“ Später sah ich ein Fernsehporträt eines Erkrankten, der innerhalb seines unruhigen Körpers einen sehr großen Frieden ausstrahlte. Ich wollte erzählen, wie jemand mit dieser Krankheit zu einem solchen Frieden kommt. Im Prinzip muss ja jeder, wenn er erwachsen wird, seinen Frieden mit dem schließen, was er ist und was er hat. Vincent tut dies unter erschwerten Umständen.

Wie spielt man diese Tics?

Fitz: Am Anfang wollte ich genau festlegen, welcher Tic wann eingesetzt wird. Aber das war alles ganz grauenhaft. Und wenn man genau in sich hineinschaut, spürt man selbst dauernd Bewegungsimpulse, die in verstärkter Form zu Tics führen. Gespielte Tics führen schnell in den Klamauk, deshalb hatte ich Respekt vor dieser Aufgabe.

Entwickelt man eine größere Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Krankheit?

Fitz: Am Anfang überlegt man noch, ob man sich das 90 Minuten anschauen kann. Die Meisten haben den Eindruck, dass das Tourette im Verlauf des Films weniger wird. Aber man gewöhnt sich nur daran. Das ist genau der Effekt, den wir erreichen wollten.

Vincent flüchtet mit Marie und Alexander aus der Therapie-Einrichtung. Warum haben Sie ihn in dieser Konstellation auf die Reise geschickt?

Fitz: Durch ihre Erkrankungen begegnen sich die drei in einer Schonungslosigkeit, wie man sie sonst nicht kennt. Sie werden in der Enge dieses Auto miteinander konfrontiert und erfahren gleichzeitig zum ersten Mal eine Form von Normalität und Freiheit außerhalb der Einrichtung. Aber sie merken, dass das seine bitteren Seiten hat und die anderen Menschen ihnen nicht mit Geduld oder Mitleid entgegentreten. Die Konstellation bietet viele Konflikte, stellt aber auch eine sehr tief gehende Form von gegenseitiger Akzeptanz her.

Warum ein Road-Movie?

Fitz: Als ich das Skript in der Drehbuchwerkstatt München vorgestellt habe, kam sofort die Kritik: Müssen die ans Meer fahren? Es ist ein ewiger Topos, aber ich fand das genau richtig. Außerdem liebe ich Road-Movies, weil die Figuren herausgenommen werden aus ihrem Alltag und man sich mit ihnen auf eine Reise zu ihren Sehnsuchtsorten begibt.

Stand der Drehbuchautor dem Darsteller Fitz im Weg?

Fitz: Das hatte den Vorteil, dass ich mich nicht groß auf die Rolle vorbereiten musste, weil ich die Figur kannte. Trotzdem war es schwierig. Vor dem Dreh wird vieles auf die Schnelle geändert. Wenn man vorsichtig am Buch gearbeitet hat, wird man zum ängstlichen Bewahrer des Skripts. Ich musste lernen loszulassen und zu akzeptieren, dass es mein Buch, aber Ralf Huettners Film ist.

Von Martin Schwickert

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