Max Frischs drittes Tagebuch aus dem Nachlass fasziniert - obwohl es unfertig und umstritten ist

Vom sicheren Nahen des Todes

Max Frisch

Es hat Streit gegeben um dieses Buch. Rosemarie Primault war langjährige Sekretärin des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Sie hat vor der Renovierung ihrer Wohnung das Manuskript „Tagebuch 3“ von Anfang der 80er-Jahre gefunden und an das Max-Frisch-Archiv gegeben.

Zitate - Auszüge aus Max Frischs Tagebuch-Entwürfen:

„Ein fast unüberwindlicher Ekel vor der Schreibmaschine, Versuche mit Handschrift, einmal auch mit dem Tonband, aber das hilft nicht - Muss ich etwas zu sagen haben?“ „Nachts kommt es wie Hellsicht: Steh auf, Mann, und geh! (...) Alles wie vor zehn Jahren! Die Frau, die schläft, ist eine andere. Ich bleibe derselbe.“ „Kein Antlitz in einem Sarg hat mir je gezeigt, dass der eben Verstorbene uns vermisst. Das Gegenteil davon ist überdeutlich. Wie also kann ich sagen, immer grösser werde mein Freundeskreis unter den Toten?“ „Jetzt ist es keine Koketterie mehr. Ich bin Alkoholiker.“ „Man wird ein Greis, wenn man sich zu nichts mehr verpflichtet fühlt, wenn man nicht mehr meint, irgendjemand in der Welt irgend etwas zu schulden (...) Was geht mich Israel an?“ „Im Gegensatz zu Peter kenne ich meine Todesursache noch nicht - was nicht heisst, dass ich mehr Zeit habe als er. Zeit wofür? Ich mähe den Rasen.“

Für Primault ist dessen Veröffentlichung einen „Vertrauensbruch“. Frischs „hingeworfene Sätze“ seien nicht überarbeitet, sie ergäben ein falsches Bild. „So macht man Geschäfte“, wirft sie im Zürcher „Tagesanzeiger“ dem Suhrkamp-Verlag vor. „Ein vom Autor verworfener und abgebrochener Entwurf“, sekundiert der erste Leiter des Frisch-Archivs, Walter Obschlager. Der Schriftsteller Adolf Muschg hält ihn für „missglückt“ und ist sicher: Frisch hat das nicht gewollt. Als Leser jedoch ist man dankbar für jede Zeile der „Entwürfe zu einem dritten Tagebuch“, wie Suhrkamp das Buch zurückhaltend genannt hat. Ja, es gibt zeitgebundene Passagen (wenn Frisch die Furcht vor einem drohenden Atomkrieg formuliert), auch banale Äußerungen. Aber es stellt sich immer wieder, und sei es für wenige Sätze, der charakteristische Max-Frisch-Sound ein: sorgsam verdichtete, knappe, andeutende und aussparende, stets wieder aufs Neue infrage gestellte Selbstbefragungen.

Peter von Matt, renommierter Germanist, Präsident des Stiftungsrats der Max-Frisch-Gesellschaft, legt im Nachwort und einem „Herausgeberbericht“ mit guten Gründen dar, was die Veröffentlichung rechtfertigt: Der Text ist - obwohl womöglich vorläufig - keineswegs flüchtig hingeschrieben, sondern literarische Form, „Ergebnis eines Kunstwillens im strengsten Sinn“.

Zur Person

Der gebürtige Zürcher Architekt und Autor Max Frisch (1911 - 1991) war mit Romanen wie „Homo Faber“ und „Stiller“ sowie Bühnenstücken („Andorra“) einer der wichtigsten Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Grundgedanken seines Werks beinhalten seine zwei literarischen Tagebücher (über die Zeiträume 1946 - 1949 und 1966 - 1971). Der dreifache Vater war zweimal verheiratet und lebte mit der Dichterin Ingeborg Bachmann zusammen. Seine Beziehung mit der Amerikanerin Alice Locke-Carey schilderte er in „Montauk“.

Frisch lebt, als er das Tagebuch verfasst, abwechselnd in seinem Loft in New York und seinem Bauernhaus im Bergdorf Berzona: Wunderbare Beschreibungen des Tessins glücken ihm. Ansonsten ist es das kunstvoll verknüpfte, Max-Frisch-typische „Geflecht wiederkehrender Themen und Motive“ (von Matt), die ihn bedrängen, mit denen er sich quält: sein Verhältnis zu Frauen, jetzt zur deutlich jüngeren Alice Locke-Carey, der „Lynn“ aus „Montauk“, und zu ihrer Heimat, den USA: „Wie dieses Amerika mich ankotzt! Emanzipation („Bin ich ein Pascha?“), Schreibblockaden, Lethargie, Zweifel („Ich schüttle Sätze, wie man eine kaputte Uhr schüttelt“), Impotenz und sein übermäßiges Trinken beschreibt Frisch. Hellsichtig seine Zeitdiagnose: die „gigantische Gelangweiltheit der Gesellschaft“, die sich mit Tourismus, Fernsehen, Konsumgier und Sexbesessenheit betäubt.

Vor allem aber schreibt er über Altern und Tod. Er begleitet das Sterben eines Freundes, des an Krebs erkrankten Juristen Peter Noll (dessen außerordentliche „Diktate über Sterben und Tod“ bekannt wurden), mit dem er nach Ägypten reist. Er stellt sich ein „Lebensabendhaus“ mit Gästen vor, eine Villa mit Veranda, wie sie in Neu-England stehen könnte.

Und er notiert Momente des Einverstandenseins, der Erfüllung. Wenn er das selbstverständliche Tun eines Maurers beobachtet („diese Zärtlichkeit mit einem Stein“), auf einer Bergtour mit der Freundin: „Ich kann vollkommen glücklich sein.“ Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Suhrkamp Verlag, 216 S., 17,80 Euro. Wertung: !!!!:

Von Mark-Christian von Busse

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