Der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor nimmt bei seiner Buch-Präsentation auch zu aktuellen Fragen Stellung

Sicherheit, nicht Frieden, ist das oberste Gebot

Avi Primor

Kassel. Avi Primor präsentierte am Dienstagabend in der vollen Aula der Universität längst nicht nur sein Buch „An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld“. Der 75-jährige ehemalige israelische Diplomat bot, befragt von Achim Güssgen (Hessische Landeszentrale für politische Bildung), spannenden Geschichtsunterricht, erzählte amüsante Anekdoten und lieferte eine klarsichtige aktuelle Analyse.

Der Antisemitismus nimmt in Westeuropa und in den USA kontinuierlich ab - das ist die Kernthese des Buches. Juden leben dort wie alle anderen Menschen, es gibt für sie keinerlei Barrieren mehr, ob nun bei Berufswahl oder Heirat. Was an Vorurteilen in manchen Köpfen umhergeistert - angebliche jüdische Geldgier und Medienmacht, der Einfluss der Juden in den USA und dergleichen - zerpflückt der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland mit seiner Co-Autorin Christiane von Korff.

Die meisten Vorbehalte hätten historische Wurzeln - Primor ging bis zur Durchsetzung des Christentums im römischen Reich, diesem Gemisch der Sprachen, Völker und Kulturen, zurück, um Ursachen antisemitischer Klischees zu erklären. Eindrucksvoll, wie der Autor - groß gewachsen, hager, sehr charmant - von der Gründung Israels berichtete, von Geheimverhandlungen der Abgesandten Adenauers und Ben Gurions. „Wir sind im Krieg geboren“, sagte der 75-Jährige über Israel, „und wissen bis heute nicht, was Frieden ist.“

„Wir werden uns nie wieder wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen“ - diesen obersten Grundsatz habe Israel als Lehre aus dem Holocaust gezogen. Deshalb habe sich das Land nie als moralische Instanz begriffen und der Verteidigung der Menschenrechte und Gerechtigkeit verpflichtet gesehen, sondern das Überleben des Staates als vorrangig begriffen - und sich deshalb auch mit blutrünstigsten Regimes verbündet: „Wir haben gravierende Fehler gemacht.“ Für wirklichen Frieden seien derzeit beide Regierungen - die israelische wie die palästinensische - zu schwach. Anders als der ägyptische Präsident Sadat in den 70ern könne, so die Befürchtung der Israelis, Palästinenserpräsident Abbas die Sicherheit ihres Staates nicht garantieren.

Das Stichwort Sarrazin fiel erst in der Fragerunde. Primor fasste sich kurz. Der ehemalige Bundesbank-Vorstand habe mit seiner Rede vom „jüdischen Gen“ den Juden ein Kompliment machen wollen. Doch auch Philosemiten grenzten Juden aus, indem sie sie für etwas Besseres, Besonderes hielten. „Sarrazin verallgemeinert.“ Darin lägen sein Fehler und seine „Unverschämtheit“.

Avi Primor, Christiane von Korff: An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld. Deutsch-jüdische Missverständnisse. Piper, 320 S., 19,95 Euro. Foto: von Busse

Von Mark-Christian von Busse

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