In einem Restaurant zeigt das Junge Theater in Göttingen „Darüber reden“

Aus Sicht des Freundes

Ungleiche Freunde: Philip Leenders als Oliver (links) und Jan Reinartz als Stuart im Restaurant Planea. Foto: Eulig

Kassel. Aus der Küche hört man leises Töpfeklappern, im Restaurant Planea nippen die plaudernden Gäste an Pils und Cappuccino. Die Theateraufführung beginnt hier fast unmerklich, schleicht sich in einen Kneipenabend ein. Und berührt gerade durch die daraus entstehende Nähe.

Zwei Männer kommen aus dem Winterabend kurz hintereinander in den Gastraum. Sie schauen sich suchend um, entdecken sich aber erst nicht. Und wenden sich einzeln ans Publikum. Oliver (Philip Leenders) und Stuart (Jan Reinartz) sprechen über ihre langjährige Freundschaft. Und über die Frau, die zwischen ihnen steht. Sie hat, wie wir in den nächsten 75 Minuten erfahren, beide erst glücklich und später unglücklich gemacht.

Julian Barnes’ Roman „Darüber reden“ wird in einer Theaterfassung vom Jungen Theater (JT) in Göttingen aufgeführt. Spielorte sind mal das Restaurant Planea, mal das Gasthaus des JT.

Regisseur Andreas Döring überdeckt den literarisch ausgefeilten Text angenehmerweise nicht mit zu viel dramatischer Action. Es gibt wenige Auf- und Abgänge, mal einen Kostümwechsel, einmal wird per Laptop ein aufgezeichneter Dialog eingespielt, Philip Leenders rockt zwischendurch mit der Gitarre.

Der Titel „Darüber reden“ bleibt Programm – es gibt wenige Dialoge und desto mehr monologische Beschreibungen. So entsteht – Whiskyglas für Whiskyglas – das Bild einer Männerfreundschaft aus zwei Perspektiven. Wie haben sich Oliver und Stuart zu Schulzeiten kennengelernt? Wie entwickelte sich die Beziehung zu der von beiden begehrten Gillian? Da hat jeder seine Version, seine Wahrheit.

„Erinnern ist ein Willensakt“, sagt Oliver. „Vergessen auch“, ergänzt Stuart. Bei Philip Leenders ist Oliver der Hippelige, Extrovertierte mit Sonnenbrille, glänzigem Anzug und pinkem Hemd (Ausstattung: Axel Theune). Einer, der nicht auf den Kellner wartet, sondern lieber selbst die Küchentür aufreißt und kumpelig hineinruft, dass das Essen bald kommen möge. Hinter den ranschmeißerischen Sprüchen übers Rauchen, zeigt Leenders, steckt aber ein schöngeistig-melancholischer Mensch, der entgegen seiner frechen Klappe ganz schön nah am Wasser gebaut hat.

Jan Reinartz’ Stuart wirkt wie ein grauer Beamtentyp. Erst. Oliver drückt es so aus: „Stuart ist einer, der es bei klassischer Musik am liebsten mag, wenn die Streicher Vögel nachmachen.“ In seiner schonungslosen Lebensbeichte macht Stuart aus seiner Unbeholfenheit Frauen gegenüber keinen Hehl. Reinartz steht wie ein Fragezeichen in der Gegend herum, als wolle er sich unsichtbar machen, rührend wirkt dann seine kindlich-überschäumende Begeisterung, wenn Stuart sich erinnert, wie die Angehimmelte ihn endlich erhört hat. Doch auch er wird sich im Laufe des Stücks verändern.

Am Ende serviert der Service die nächste Runde. Die Gitarre ist weggeräumt, und vor der Bar stehen zwei Männer, die dringend einen Neustart im Leben bräuchten. Viel Applaus.

Nächste Termine im Gasthaus des JT am 29., 31.1., 7., 15.2., im Planea: 21.3., 20.6., Karten: 0551-495015.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.