Schauspielerin Helen Mirren spielt Tolstois Frau Sofia im Filmdrama „Ein russischer Sommer“

„Sie macht das Leben zur Hölle“

Mit ihrem Porträt der britischen Königin Elizabeth II. in Stephen Frears’ Film „Die Queen“ errang Dame Helen Mirren einen Oscar. Geboren wurde die Charaktermimin als Elena Vasilievna Mironova. Im jetzt startenden Drama „Ein russischer Sommer“, das das letzte Jahr im Leben des Dichters Tolstoi nachzeichnet, wandelt die 64-Jährige nun auf den Pfaden ihrer russischen Vorfahren. Als Tolstois Ehefrau Sofia spielt Helen Mirren an der Seite von Christopher Plummer.

Dame Helen, Sie haben selbst russische Wurzeln. Inwiefern hat das geholfen, diese Rolle zu spielen?

Helen Mirren: Mein Vater wurde in Russland geboren. Er kam im Alter von zwei Jahren nach England. Mein Großvater war in der zaristischen Armee, und er wurde nach Großbritannien geschickt, um ein Geschäft mit der britischen Regierung auszuhandeln. Die Revolution schnitt ihm den Rückweg ab. Mein Vater wurde in Russland in wirtschaftlichen Verhältnissen geboren, die denen der Tolstois sehr ähnlich waren. Er gehörte derselben Klasse und demselben intellektuellen Stand an. Es hat mich sehr berührt, als ich den Film drehte und mich in einem Kostüm wiederfand, das exakt so aussah wie die Kleidung meiner Großeltern.

Wurden Sie zu einer speziellen Beziehung zur russischen Kultur erzogen?

Mirren: Mein Vater wollte das alles vergessen. Mein Großvater hingegen war ein russischer Aristokrat. Mein Vater ist im London der 1920er und 1930er aufgewachsen und war Kommunist. Überflüssig zu erwähnen, dass mein Vater und sein Vater selten einer Meinung waren. In meiner Familie wurde immer diskutiert. Man hat sich nie angeschrien. Aber es wurde ständig eine lebendige philosophische Diskussion geführt.

Was mochten Sie an Ihrer Figur der Sofia?

Mirren: Sie ist so extrem, das ist der Traum eines jeden Schauspielers. Sie macht allen das Leben zur Hölle und verschwindet wieder. Solche Rollen wünscht man sich.

Sind Sie, im Gegensatz zu Sofia, eher still?

Mirren: Sofia ist ein niemals abebbender Sturm. Ich gleiche eher Tolstoi, der es nicht ertragen kann, angeschrien zu werden. Aber es machte Spaß, Sofia zu spielen. Ein Grund, aus dem ich Schauspielerin geworden bin, ist, dass ich vorgeben will, jemand anderer zu sein.

Liefen Sie Gefahr, Szenen zu dominieren?

Mirren: Ja, absolut. Es kann leicht passieren, dass sich der Zuschauer von einem Charakter abwendet. Vielleicht denkt ja ein Teil des Publikums tatsächlich: Will diese Frau denn nicht mal die Klappe halten?

Hatten Sie während der Dreharbeiten in Deutschland Kontakt zur einheimischen Bevölkerung?

Mirren: Die Crew war deutsch, und sie war fabelhaft. Jeder war ein Künstler, die Friseure, Maskenbildner, Kostümbildner. Bei einem Kostümfilm sind diese Elemente von ganz besonderer Bedeutung. Es kann sehr schnell geschehen, dass der Zuschauer den Film wie ein Bild betrachtet und nicht in dessen historische Welt eintaucht.

Haben Sie die Gegend erforscht?

Mirren: Das tue ich immer. Ich drehe gern an fremden Orten. Ich habe immer mein eigenes Auto. Ich fahre los und schaue, wohin die Straße mich führt. Wir haben im Osten Deutschlands gedreht und dabei viel gesehen. Wie wunderbar der Spreewald ist. Ich hatte noch nie von ihm gehört.

„Ein russischer Sommer“ wird als Oscar-Kandidat gehandelt. Ein Kommentar?

Mirren: Ich weiß nicht, ob diese Möglichkeit besteht. Es gibt so wenige wirklich gute Rollen für Frauen, dass fast jede sofort als Kandidat für Preise gehandelt wird. Das ist traurig. Ich möchte, dass der Film ein Publikum findet. Es ist für den Independent-Film heute schwieriger denn je, einen guten Verleih und ein gutes Marketing zu bekommen. Es ist eine schwierige Zeit für diese Art Film. Ein Preis hilft, die Aufmerksamkeit auf einen Film zu lenken.

Von André Wesche

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