In Gelsenkirchen gibt es ein Museum für Videokunst in einem alten Zechenturm

Sieben Geschosse für den Film

Riesige Skulptur von Markus Lüpertz auf dem Dach: Im Nordsternturm ist das neue Videokunstmuseum untergebracht. Foto:  Traub

Gelsenkirchen. Kunst fand im Ruhrgebiet schon in Gasometern und Kokereien statt. Nun wurde ein weiterer spektakulärer Ort für die Kunst gewonnen, an dem sich Industriegeschichte abgespielt hat. Ein denkmalgeschützter Förderturm auf dem Gelände einer früheren Zeche in Gelsenkirchen erweitert den Kreis der Stätten, die den Ruf des Ruhrgebiets als Kulturregion unterstreichen sollen.

Zu Füßen der 18 Meter hohen Skulptur „Herkules“ von Markus Lüpertz auf dem Gelsenkirchener Nordsternturm ist die Veränderung deutlich sichtbar. Wo bis 1993 Steinkohle gefördert wurde, ist ein Landschafts- und Gewerbepark entstanden. Ein ambitioniertes Konzept, ursprünglich Teil des Programms der Kulturhauptstadt Ruhr 2010, soll Nordstern jetzt auch als Kunststandort etablieren.

Sieben Geschosse des Förderturms wurden zu einem Videokunstzentrum umgebaut - unter Beibehaltung der alten Fördermaschinerie. Schummriges Ambiente und schrundige Relikte - hier hat die Kunst kein Heimspiel. Sich in diesem Umfeld zu behaupten, gelingt Videokunst jedoch besser als anderen Genres. Die über 50 Videos, die in der Ausstellung „Schichtwechsel“ gezeigt werden, stammen aus den Beständen des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) und der Privatsammlung von Ingvild Goetz.

Mit diesen beiden Kooperationspartnern hat sich die Nordsternturm GmbH, eine Tochter der Wohnungsbaugesellschaft Vivawest, als Betreiberin des Videokunstzentrums renommierte Größen ins Boot geholt. Das Videoforum des n.b.k., die älteste Sammlung Deutschlands, umfasst 1500 Arbeiten. Retrospektivisch angelegt ist der Beitrag auf Nordstern. In einem von der Künstlerin Silke Wagner entwickelten Regalsystem werden - gereiht und gestapelt - Videos gezeigt, deren ältestes, eine Arbeit Bruce Naumans von 1968, aus der Startphase des Mediums datiert. Werke von internationalen Künstlern wie Nam June Paik, KP Brehmer, Oleg Kulik, Heimo Zobernig, Heike Baranowsky, Annika Eriksson oder Elise Florenty haben die Kuratoren unter dem Thema „Konstruktion des Raums“, dem materiellen wie dem immateriellen, zusammengefasst.

Aus der zurzeit etwa 500 Medienkunstwerke aus den letzten 20 Jahren umfassenden Sammlung von Ingvild Goetz wurden Videos ausgewählt, die um den Begriff Arbeit kreisen. Matthew Barneys surrealer „Cremaster 3“ und Harun Farockis aus Spielfilmen sezierte Sequenzen „Arbeiter verlassen die Fabrik in 11 Jahrzehnten“, Aernout Miks absurdes Männertrio in „Garage“ oder Rosemarie Trockels Video „Manus Spleen IV“, das historische Frauenrollen in einer Bühnenkulisse zusammenführt, sind Höhepunkte der Schau, die in ihrer Gesamtheit einen tiefen Einblick in die Geschichte und die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums Videokunst vermittelt. Wichtig: Man sollte viel Zeit mitbringen.

Nordsternturm, Gelsenkirchen, Infotel.: 0209/3800.

Von Ulrich Traub

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