Warum Jake Bugg und dem Pop nichts Neues mehr einfallen

Wir sind alle retro

Die Zukunft des Pop ist von gestern: Der 18 Jahre alte Brite Jake Bugg klingt wie seine Großväter und stürmt die Charts. Foto: Universal

Die Simpsons sind mitschuldig, dass wir heute am liebsten Popmusik von gestern hören. In der US-Serie hörte der Brite Jake Bugg mit zwölf Jahren Don McLeans „Vincent“ aus dem Jahr 1971. „Dieser Song schlug bei mir ein wie ein Blitz“, sagt Bugg, der gerade 18 geworden ist, die britischen Charts anführte, in Deutschland in den Top Ten war und dessen Debütalbum nicht nur nach Don McLean klingt, sondern auch nach Bob Dylan, Buddy Holly und Oasis.

Jake Bugg gilt als die Zukunft des Pop, aber seine Musik ist von gestern. Damit ist er nicht allein: Auch die Britin Adele blickte mit ihrem Sechzigerjahre-Soul zurück; die US-Sängerin Lana Del Rey feierte den alten Pop-Sound, und der Fidel-Folk der englischen Mumford & Sons klingt, als sei er 1979 entstanden. Für ihr Album „Babel“ erhielten sie gerade einen Grammy.

Für Simon Reynolds ist all das nichts Neues: Der britische Musikjournalist erklärt in seinem lesenswerten und viel diskutierten Buch „Retromania“, warum „Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann“, wie es im Untertitel heißt. Darin beschreibt er, wie es kommen konnte, dass die „Verheißung der Gegenwart“, die Pop einmal war, nur noch in Nostalgie schwelgt.

Die letzten Revolutionen des Pop waren HipHop und Techno. Seitdem entdecken junge Künstler die Vergangenheit neu oder alte covern sich selbst, wie die zunehmende Zahl an Wiederveröffentlichungen zeigt. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat gar eine Retrokolumne ins Leben gerufen, in der nur Neuauflagen berühmter alter Alben besprochen werden.

Für Reynolds ist die Retromania eine Antwort auf die immer schneller werdende Zeit – ähnlich wie die Raketen des Raumfahrtzeitalters per Bremsschub den Antrieb verlangsamten. Da jede heute ausgerufene Mode morgen ohnehin schon wieder vorbei ist, bietet die nostalgische Rückschau immerhin eine gewisse Zeitlosigkeit.

Verstärkt wird der Effekt durch Youtube, das Pop aus allen Dekaden archiviert. „Das hat dazu geführt, dass die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit in unserem Leben auf unermessliche Weise zugenommen hat“, schreibt Reynolds. Für den Musiker Sufjan Stevens ist Rock ’n’ Roll darum ein „Museumsexponat: Die Rebellion ist vorbei.“

Für Revolutionen sorgen allenfalls noch Technikneuerungen wie der iPod. Trotzdem muss man keine Angst haben, dass die allgegenwärtige Vergangenheit die Zukunft der Musik gefährdet. Denn schon Norman Blake von der schottischen Band Teenage Fanclub wusste, dass „Rockmusik, die nicht wie etwas anderes klingt, immer schrecklich klingt“.

Simon Reynolds: Retromania: Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann. 424 Seiten, 29,90 Euro. Wertung: !!!!!

Von Matthias Lohr

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