Ausstellung „Monitoring“ beim Dokumentarfilm- und Videofest

Fürsorgliche Wachtel-Mama und Jägerin: Bilder aus Anja Sarans Monitoring-Beitrag „Das Wachtel-Starter-Set“. Fotos: Dokfest/nh

Kassel. Es ist verblüffend, wie es Jahr für Jahr gelingt, aus weit über 300 Einreichungen für die Ausstellung von Medieninstallationen „Monitoring“ beim Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest nicht nur interessante Arbeiten auszuwählen, sondern diese aufeinander zu beziehen und so thematische Schneisen zu schlagen.

Diesmal hat sich die achtköpfige Jury um Ausstellungsleiter Holger Birkholz (Dresden) für 14 Werke entschieden, von denen einige den Besucher zum irritierten Beobachter machen, ja ihn in einen Voyeur verwandeln.

„Scripted Reality“ ist bei den privaten TV-Sendern der letzte Schrei: Was den Anschein einer Dokumentation hat, folgt einem festgelegten Drehbuch, ist eine Täuschung. An der Grenze von Realität und Inszenierung sind auch einige „Monitoring“-Beiträge angesiedelt. Sie konstruieren Wirklichkeit und zerlegen sie wieder in ihre Bestandteile. Sie machen den Zuschauer zum Teil einer Fiktion, beziehen ihn ein und machen dadurch zum Thema, wie wir uns zu fremden Leben verhalten: Ob wir uns angesichts bloßgestellter Intimität abwenden oder gerade erst hinsehen. Wir blicken in private Räume - mit Neugier, Befremden, vielleicht Abscheu.

Eine der zentralen Arbeiten ist Keren Cytters bereits 2009 bei der Biennale in Venedig gezeigter Film „Untitled“, den sie mit bekannten Schauspielern (Carolin Peters, Bernhard Schütz) auf der Bühne des Berliner Hebbel-Theaters vor Zuschauern drehte - nach der wahren Geschichte eines Jungen, der die Geliebte seines Vaters erschoss. Indem wir im Kunstverein vor der Leinwand sitzen, werden wir zum Teil des Publikums im Theater, zum Teil des Geschehens - und können nicht ausweichen.

In Bettina Grossenbachers Film „Mikado“ folgt der Betrachter wie ein Eindringling einem Mädchen, das sich allein in einem Haus aufhält, ihrerseits wieder beobachtet von einem sehr viel älteren Mann.

In Kaja Leijons „Resonances“ nimmt eine junge Frau im Wald Geräusche auf. Bald erfasst sie Unruhe, Furcht. Fühlt sie sich, als sie in einem See baden will, durch uns als heimlichen Zuschauer beobachtet?

Die Kasselerin Anja Saran lässt uns in ihre Wohnung blicken. Sie hat dort fürsorglich Wachteln schlüpfen und aufwachsen lassen, die allerhand Dreck machen - um sie später zu töten und zu kulinarischen Leckerbissen zu verarbeiten. Dann kehrt wieder Normalität ein. Verstörend auch die Bilder von Julia Charlotte Richter, ebenfalls Kunsthochschule Kassel, von schlafenden jungen Frauen. Was ist mit ihnen geschehen? Dazu berichten drei Männer über ihre Ziele, Wünsche und Ängste - glauben wir. Tatsächlich tragen sie vor, was die Frauen offenbart haben. Auch hier: Vertauschte Rollen, ein Spiel mit Wahrheit und Fiktion.

Von Mark-Christian von Busse

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