Wir sind nur Kostenfaktoren: Die Medienkunst-Schau „Monitoring“

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Endlosschleife: Dennis Neuschaefer-Rubes Fassung von „The Wizard of Oz“ - in 5829 parallelen Bildern.

Kassel. Amy Winehouse raucht, obwohl es verboten ist, Karl Lagerfeld fächert sich Luft zu, Jonathan Meese kämpft mit dem Schlaf. Johnny Depp begegnet, einen Kotflügel in der Hand, einem der Tokio-Hotel-Brüder und seinem eigenen Doppelgänger.

Dazwischen schwer bewaffnete Polizisten, ein Soldat, schrill gekleidete Jugendliche. Und ist das da nicht Nick Cave?

Es fährt ein Zug nach Irgendwo in Stefan Panhans’ Video-Projektion „Sorry“ im Kunstverein im Fridericianum. In der drangvollen Enge im Waggon sitzen, stehen, balancieren Prominente im Gang. Oder deren Doubles? Promis, zur Normalität einer Bahnfahrt verdonnert? Kunstfiguren, lächerliche Nachmacher? Man spürt zumindest die Mixtur aus Genervtheit und Langeweile im Hin- und Her-Geschiebe.

Spielerisch: Ryota Kuwakubo lässt eine Lok Schatten werfen.

Panhans’ Alltagsgroteske aus der Bahn ist eine von 14 Arbeiten in der sehenswerten Medienkunst-Ausstellung „Monitoring“, die seit 15 Jahren das Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest ergänzt und bereichert - in diesem Jahr erstmals unter der Leitung des jungen Duos Miriam Bettin und Beatrix Schubert. Aus 300 Einreichungen hat eine Jury ausgewählt. Auf einen einzigen Nenner lassen sich die Arbeiten nicht bringen. Doch Themen kristallisieren sich heraus.

Da ist die Reflexion über den Film selbst. Dennis Neuschaefer-Rube zeigt den Musicalfilm „The Wizard of Oz“ (1939), zerlegt in 5829 Einzelbilder. Das entspricht den Sekunden seiner Laufzeit. Der Film läuft also 5829-mal, um je eine Sekunde verschoben, in Endlosschleife. Es sieht aus wie ein sich immerzu bewegendes abstraktes Gemälde. Christoph Girardet hat Szenen aus Heimatfilmen der 50er so geschickt montiert, dass er auf verblüffende Weise deren Stereotype herausarbeitet. Wunderbar witzig.

Ein Thema ist auch das Nicht-Sehen, wenn etwa Annika Larsson Blinde beim Fußballspiel zeigt. Das ist beklemmend - als Betrachter will man zunächst wegschauen.

Ein anderes Thema: Was erwarten wir vom Leben? Worauf setzen wir Hoffnungen? Gair Dunlop erinnert in „Atom town: Life after technology“ an Versprechungen, die beim Bau einer Atomanlage in Großbritannien 1955 verbreitet wurden - und zeigt die trostlose Gegenwart. Ulrike Franke und Michael Loeken befragen früh desillusionierte Auszubildende im Bochumer Opel-Werk. „Ich bin nur ein Klotz am Bein“, sagt ein Azubi. Ein Kostenfaktor. Vorherrschend - im schönsten Revier-Slang - die Angst, „dass man auf Straße steht“.

Mit Selbstfindung, Identität, verlorenen Paradiesen beschäftigen sich zwei Kasseler Arbeiten. Jan Bode spricht - in drei Rollen, auf drei Screens - Dialoge aus der Filmreihe „Rocky“. Rocky begründet, warum er boxen muss: „Ich kann sonst nichts.“ Bei Ana Esteve Reig tritt der Kasseler Staatstheater-Schauspieler Jürgen Wink als Mutter am Herd auf.

Einen der schönsten Beiträge hat Ryota Kuwakubo im Stellwerk eingerichtet. Eine beleuchtete Spielzeug-Lok zieht ihre Kreise. Bleistifte, Siebe, Wäscheklammern, Holzklötzchen, schließlich der Betrachter selbst werfen riesige Schatten.

Bis 13.11., Kunstverein, Fridericianum, Fr/Sa 11-22, So 11-19 Uhr, Südflügel/Stellwerk im Kulturbahnhof Fr/Sa 17-22, So 17-20 Uhr. www.filmladen.de/dokfest

Von Mark-Christian von Busse

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