Das Flinntheater bringt mit „India Simulator“ ein bemerkenswertes zeitkritisches Stück auf die Bühne

Sind wir nicht alle ein bisschen indisch?

Komisch und ausdrucksstark: Die Schauspieler Florian Hacke und Lisa Stepf. Foto: Socher

Kassel. In Zeiten, in denen es nicht mehr G 8, sondern G 20 heißt und Schwellenländer wie Indien wirtschaftlich dermaßen expandieren, werden Arbeitskräfte auch von Deutschland nach Indien verlagert. Doch wie klappt die Integration in die fremde Kultur? Sophia Stepf, auch in Indien tätige Dramaturgin und Regisseurin, schuf aus Texten von Ajay Krishnan, Ram Ganesh Kamtham, Shivani Tibrewala, Santanu Bose sowie eigenen Erfahrungen eine fesselnde und sehr intelligente Collage (Produktion: Carolin Rosenheimer, Isabel Feifel), die bei der Premiere am Sonntag im Dock 4 bejubelt wurde.

Auf der Bühne sind Lisa Stepf und Florian Hacke, komisch, ausdrucksstark und energiegeladen, in ständigen Rollenwechseln mal Opfer, mal Täter. Tatort des Geschehens ist ein Assessment-Center, in dem Unternehmen ihr künftiges Personal auswählen. In diversen Szenen werden die Teilnehmer durch Rollenspiele und Simulationen auf ihre Indien-Tauglichkeit geprüft.

So verkörpert Hacke in einem Moment eine herrliche Karikatur des Komikers Piet Klocke, redet als Anwärter für einen Management-Posten in Indien wie ein Wasserfall, nur um sich von der Leiterin des Assessment-Centers eine Abfuhr zu holen. In der nächsten Szene spielt Stepf eine völlig ausgeglichene Yoga-Lehrerin, die sich um einen Posten in Indien bewirbt und mit ihren Übungen das Publikum zu vielen Lachern treibt.

Weitere, teils perfide Absurditäten werden deutlich: Für den Start in Indien sind ein beschönigender Lebenslauf, ein adäquater Facebook-Auftritt und die richtige Körpersprache wichtig. Die Problematik ist real und deutschen Firmenchefs nicht unbekannt.

Mit schönem Cello- und Geigenspiel, teils mit einer Loop-Station live aufgenommen, begleiten sich die Akteure selbst. Mit wohlgesetzten indischen Klischees, einer aberwitzigen Bollywood-Choreografie mit Gesang und Tanz und eingeblendeten Hindisprüchen (Licht & Sound: Jonas Nagel) nahm das Flinntheater die begeisterten Zuschauer im ausverkauften Dock 4 auf eine turbulente Reise, bei der kein Lachmuskel verschont blieb. Eine Form erstklassigen, zeitgenössischen und zeitkritischen Theaters.

Weitere Vorstellungen: Heute, 6. März sowie 5. und 6. Mai, 20 Uhr, Dock 4, Untere Karlsstraße 4. Karten unter 0561/7872067, www.flinntheater.blogspot.com

Von Alexander Pluquett

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