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Singalong: Weihnachtsoratorium zum Mitsingen

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Gänsehautgefahr: Beim Kasseler Singalong mit den Kantaten IV-VI des Weihnachtsoratoriums in der Erlöserkirche Harleshausen verkündeten die Singenden die weihnachtliche Botschaft.
Gänsehautgefahr: Beim Kasseler Singalong mit den Kantaten IV-VI des Weihnachtsoratoriums in der Erlöserkirche Harleshausen verkündeten die Singenden die weihnachtliche Botschaft. © Andreas Fischer

Bachs Weihnachtsoratorium wurde als „Singalong“ in der Erlöserkirche in Harleshausen besonders für die Mitwirkenden zum Erlebnis. Zum Gipfelpunkt wurde der Schlusschoral.

Kassel – „Die Dirigentin unterbricht die Aufführung nur, wenn etwas völlig auseinanderläuft.“ So kündigte es das Programmheft am Samstagabend an und sorgte für leichten Nervenkitzel. Bereits zwei Stunden vor Konzertbeginn hatte die Erlöserkirche in Harleshausen Tor und Tür geöffnet und zum Mitsingen der Kantaten IV-VI eingeladen. Voraussetzung: Man ist der Notensprache mächtig.

Die Kantoreien Zion, Wolfhagen und Harleshausen hatten eingeladen, einen spontanen Chor zu formieren, um mithilfe von einigen musikalischen Statuten die klassische Dualität von Zuhörern und Mitwirkenden zu unterwandern. Vor dem Konzert herrschte eine Stimmung, die zwischen fröhlicher Mitverschwörerschaft und besinnlicher Andacht pendelte, denn ein so anspruchsvolles Werk wie Bachs „Weihnachtsoratorium“ ins Publikum zu verlagern, quasi zu demokratisieren, ist ein echtes Wagnis. Man gruppierte sich entsprechend ohne Bühne im Hauptschiff in konzentrischen Halbkreisen.

Hochklassige Solisten

Professionell und hochkarätig besetzt waren die Solopartien mit Justus Wilcken (Bass), David Helmbucher (Tenor), Daniela Gierok (Alt) und Daniela Weltecke (Sopran). Die vielseitige Kantorin Weltecke agierte zudem als Dirigentin, wurde aber tatkräftig von Kantorin Christine Spuck und Kantor Bernd Geiersbach unterstützt. Das zwanzigköpfige Barockorchester bot im innersten Kreis sichere Führung auf hohem Niveau.

Nichtsdestotrotz spähte der kleine Rest von Nichtsängern neugierig von den Emporen, als die Dirigentin zum ersten Choral anstimmte. In „Fallt mit Danken“ zeigte sich bereits, dass das geistliche Experiment Früchte trug. Im Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“ bestand Gänsehautgefahr: Ein Stimmenmeer, selbstbewusst und erfüllt, von der Kraft der Worte und der Musik, verkündete die weihnachtliche Botschaft.

Gipfelpunkt war aber der Schlusschoral mit den berühmten Trompeten-Tremoli „Nun seid ihr wohl gerochen“. Jede Stimme behauptete und meisterte die äußerst schwierigen Partien der Fuge. Am Ende hatte die Dirigentin nicht nur nicht unterbrechen müssen, sie konnte mit Fug und Recht den ungezählten Mitwirkenden dieses Abends Applaus spenden, der natürlich zurückkam, minutenlang, mit einer seitens der Anwesenden seltenen Mischung aus Dankbarkeit, Demut und Stolz.

Von Andreas Erdmann

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