Die Revue „Kleiner Mann, was nun?“ erzählt am Staatstheater von sozialem Abstieg und großer Liebe

Die Revue „Kleiner Mann, was nun?“ erzählt am Staatstheater von sozialem Abstieg und großer Liebe

Unterwegs in ein neues Leben: Agnes Mann als Lämmchen und Peter Elter als Pinneberg müssen ständig über eine Bühne voller Möbel steigen. Foto:  Klinger

Kassel. Der ganze Körper ist freudige Aufregung. Vorgeneigt steht Agnes Mann auf dem Wiesenstück mitten auf der Bühne. Blumenkleid, Strickjacke, Strahleaugen: Lämmchen ist verliebt.

Sie schaut ihren Herzensmann an, Pinneberg. Der Junge, wie sie ihn nennt, raucht am Bühnenrand und hat ihr Kommen nicht bemerkt. So holt sie Süßigkeiten aus einer Papiertüte, beißt genussvoll hinein. In großen Bissen vom Leben naschen: So ist das Lämmchen. Und der Pinneberg? Peter Elter steht aufrecht und tapfer in seinem mausgrauen Dreiteiler. Aber man sieht ihm schon an: So tapfer wie sein Mädchen, das ihn beim Anschleichen spielerisch umrempeln kann, ist er nicht. So fest steht dieser Pinneberg nicht im Leben. Eher nervös.

Der kleine Angestellte wird erst dann mutig, wenn er bei seinem Lämmchen auf dem Bett sitzt. Dort erträumen sich die beiden ihr enges Leben in der muffigen Kammer groß und schön und frei. Pinneberg singt auf einmal los, gestikuliert, greift nach den Sternen, bewegt sich wie ein Bühnentänzer. Lämmchen und er stimmen „You and me against the World“ an - und so fühlen sie sich auch.

Peter Elter spielt als Pinneberg den Titelhelden, Agnes Mann seine Frau in Peter Zadeks und Tankred Dorsts Revue „Kleiner Mann, was nun?“, nach dem Roman von Hans Fallada. Das Staatstheater Kassel zeigt sie als letzte große Produktion dieser Spielzeit. Am Sonntag erklatschte sich das begeisterte Premierenpublikum eine musikalische Zugabe.

Regisseur Philipp Kochheim gibt der Geschichte vom wirtschaftlichen Abstieg in den 1930er-Jahren, von Arbeitslosigkeit und einer Liebe, die sich gegen das Elend stemmt, die richtige Balance aus Nostalgie, Sozialkritik, Witz und musikalischem Schwung.

Genial ist das Bühnenbild von Thomas Gruber. Große Podeste stapeln sich ganz nach oben. Auf ihnen stehen Möbel, ein Fahrrad, eine Telefonzelle, Büroschreibtische, ein Modegeschäft, ein Herd, die Wiese. Geht Pinneberg zur Arbeit oder ziehen Pinneberg und Lämmchen wieder einmal um, klettern sie auf und ab über das Mobiliar. Eva-Maria Keller, Uwe Steinbruch, Marie-Claire Ludwig, Enrique Keil, Frank Richartz und Aljoscha Langel spielen die Menschen, die dem Paar begegnen. Sie sind wie Comicfiguren zurechtgemacht (Kostüme: Bernhard Hülfenhaus), schrill geschminkte Typen mit Perücke: der Kapitalist, der Nazi, das Waschweib, der Filmstar, der Anzugverkäufer, die Gunstgewerblerin. Wahrhaftig ist hier nur Pinnebergs und Lämmchens Liebe. Damit lässt der Regisseur ein wenig Hoffnung einströmen in all die Traurigkeit.

Wie auch Matthias Flake (musikalische Leitung, Klavier), der die Begleitmusik komponiert hat. Sie klingt aufregend jazzig und zugleich ein bisschen nostalgisch im Stil von Jahrmarktmusik und ist geprägt von Marimba- und Vibrafon (Claus Kiesselbach). Trompeter Volker Deglmann und Kontrabassist Heiko Pape komplettierten die Band im Graben vor der Bühne. Die fast ausschließlich englisch gesungenen Revuesongs (die Flake abweichend von Zadek/ Dorst ausgesucht hat) bedienen sich dann bei Soul und Chanson, bei den Beatles, Lou Reed und Nancy Sinatra. Lichtfenster im Grau des Alltags, in dem es kein glückliches Ende geben kann. Nur Lämmchens „Bald sind wir raus aus dem Dreck - vielleicht.“

Schauspielhaus, nächste Termine am 23., 26., 27.6., Karten: 0561-1094-222.

Ein Video zum Stück sehen Sie unter www.hna.de/video

Von Bettina Fraschke

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