Publikation zum Kasseler Schmerzensmann wird vorgestellt

Sinnbild des Leidens

Kassel. Der Schmerzensmann gilt als Christusbild des Mittelalters schlechthin: Er veranschaulicht den Leidensweg der Passion, verweist aber auch auf die Sühnung der Menschheit durch den Kreuzestod Christi. „Die Wunden spenden auch Trost und Hoffnung, da sie mit Blick auf die Heilsgeschichte zugleich Erlösung und ewiges Leben verheißen“, so beschreibt Marika Schäfer den Kasseler Schmerzensmann.

Schäfer hat 2006 bis 2008 bei der Museumslandschaft Hessen Kassel volontiert und in dieser Zeit unter anderem die Begleitausstellung „Weißes Gold“ zur König-Lustik-Ausstellung im Schloss konzipiert. Jetzt eröffnet sie die neue „Wissenschaftliche Reihe“ der MHK mit einer Publikation über die 72,5 Zentimeter große Skulptur aus Lindenholz, die seit 1923 als eines ihrer herausragenden Stücke zur Sammlung angewandter Kunst gehört.

An zwei Terminen, Freitag, 13. und 27. Januar, jeweils ab 15.30 Uhr, stellt Schäfer ihre Untersuchung, die durch zahlreiche prägnante Fotografien und ein Glossar bereichert ist, im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Führungen vor.

Die Kunsthistorikerin, die in Göttingen und Wien studiert hat, diskutiert ausführlich die Zuschreibung der Christusdarstellung. Sie wird als Spätwerk des Ulmer Künstlers Hans Multscher (um 1400-1467) - eines der bedeutendsten Künstler der Spätgotik - um 1460 datiert. Schäfer legt dar, inwiefern der Schmerzensmann mit Multscher und seiner Werkstatt in Beziehung zu setzen ist. Sie schildert das städtische Zunftwesen und erläutert, dass im Mittelalter nicht der einzelne Künstler, sondern der Werkstattbetrieb mit mehreren wechselnden Mitarbeitern unter der Leitung eines Meisters im Mittelpunkt der Kunstproduktion stand.

„Der Kasseler Schmerzensmann ist als Andachtsbild zu verstehen“, schreibt Schäfer über dessen vielschichtigen Sinngehalt. Der Betrachter soll sich in Christi Qualen und Schmerz versenken, die realistisch-drastischen Wunden sollen an das Jüngste Gericht denken lassen, Einkehr und Buße bewirken. Ein eindringliches, überzeitliches Bild Christi: „In seiner menschlichen Natur ist er tot, aber in seiner göttlichen Natur lebt er.“

Die ursprüngliche Farbfassung, die unter späteren Übermalungsschichten verborgen war, ist erst 2000 vollständig freigelegt worden. Über die kunsttechnologischen Aspekte - Röntgen, Pigmentanalysen - gibt Anne Harmssen, Leiterin der MHK-Restaurierungsabteilung, detailliert Auskunft.

Erster Termin morgen, 15.30 Uhr, normaler Eintritt, keine Führungsgebühr. „Unsers Herren Barmhertzigkeit“. Hans Multscher und der Kasseler Schmerzensmann. Deutscher Kunstverlag, 108 S., 12,80 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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