Vielfalt auf dem Friedhof

Skurril, mysteriös und bewegend: Neue Foto-Sammlung ungewöhnlicher Grabsteine

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Ungewöhnliche Grabstein, die Thorsten Benkel und Matthias Meitzler gesammelt haben.

Friedhöfe sind längst unberechenbar. Sie sind zu Schauplätzen eigentümlicher Kreativität geworden.

„Die Grabwanderung wurde für uns zur Gratwanderung zwischen Verblüffung, Freude, Fassungslosigkeit und Rührung“, bilanzieren Thorsten Benkel und Matthias Meitzler ihre Expeditionen zu über 900 Friedhöfen. 52 000 Aufnahmen umfasst ihr Bildarchiv merkwürdiger und bemerkenswerter Grabsteine inzwischen – die außergewöhnlichsten haben sie nun für ein zweites Buch zusammengestellt.

Natürlich staunt man, wie beim Vorgängerband „Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe“, ist verwundert, amüsiert oder auch erschrocken über die Art und Weise, wie manche Angehörige ihrer Verstorbenen gedenken. Mitunter ist man peinlich berührt. Der bisweilen sogar sarkastische Humor, der zum Ausdruck kommt, ist für die Herausgeber eine Strategie, mit dem Dilemma des Lebensendes zurecht zu kommen.

Die Sammler – Benkel lehrt Soziologie in Passau, Meitzler ist am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen beschäftigt – nähern sich dem Phänomen aber auch wissenschaftlich (ohne in ihren kurzen Texten auch nur annähernd akademisch zu schreiben). Das Duo interessiert, wie sich sozialer Wandel und Pluralisierung sogar auf dem Friedhof abbilden: Menschen greifen gesellschaftliche Veränderungsprozesse mal mehr, mal weniger bewusst auf, reproduzieren und festigen sie durch gemeinsames Handeln, sodass sie sogar am Lebensende nachwirken.

Soziologisch gesagt, geht es bei den originellen Grabmalen also um Effekte der Individualisierung. Das Buch handele im doppelten Wortsinn von Menschen, die verschieden sind, heißt es in der Einleitung. „Je individueller, je eigenverantwortlicher das moderne Leben geworden ist, desto wichtiger wird es Menschen, die eigene Lebensleistung darzustellen.“ Friedhöfe bilden Räume der „Bilanzierung und Bedeutungszuschreibung“. Eine Ruhestätte zu gestalten, heißt, sich mit der Biografie auseinanderzusetzen. Beruf, Hobby und Haustier, Spitznamen, die Leidenschaft für Sport, Musik oder Motorräder fließen selbstverständlich ein. Der Grabstein spiegelt die Persönlichkeit. Wir können von den Gräbern etwas über die Lebenden lernen, auch das macht den Gang über Friedhöfe faszinierend.

Thorsten Benkel, Matthias Meitzler: Game over. Neue ungewöhnliche Grabsteine. Kiepenheuer & Witsch, 246 S., 9,99 Euro, Wertung: vier von fünf Sternen

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