Eine grandiose Schau stellt im Liebieghaus Frankfurt den Bildhauer Niclaus Gerhaert von Leyden vor

Solche Pracht und Herrlichkeit

Elegant wie tatkräftig: Niclaus Gerhaerts heiliger Georg.

Frankfurt. Diese Schau ist überwältigend, ein Ereignis. Staunend durchwandert man großartig inszenierte 70 Werke, die im Frankfurter Liebieghaus am Museumsufer Niclaus Gerhaert von Leyden vorstellen.

20 aus der Hand und der offenkundig perfekt organisierten Werkstatt dieses „Bildhauers des Mittelalters“ (so der Untertitel), 50 aus seinem Umkreis und von Nachfolgern Gerhaerts.

Denn der, das will diese Ausstellung mit hochkarätigen Leihgaben aus New York, Paris und Wien zeigen, ist einer der wichtigsten und einflussreichsten Künstler der Spätgotik, dem die Bildhauer nördlich der Alpen über Generationen nacheiferten. Dass mittelalterliche Bildhauer wie Tilman Riemenschneider, Veit Stoß oder der Tiroler Michael Pacher eher geläufig sind als der bislang nur Spezialisten vertraute Gerhaert, mag daran liegen, dass es nur wenige gesicherte Werkzuschreibungen gibt, dass man über den Niederländer, der in Straßburg und Wien zu Ruhm kam, überhaupt so wenig weiß (siehe Zur Person).

Erstmals verliehen wurden für die Schau zwei Gerhaert zugeschriebene aufwendig geschnitzte, fast lebensgroße Holzskulpturen vom Hochaltar aus der Kirche St. Georg in Nördlingen: Bewundern lassen sich am heiligen Georg und der heiligen Maria Magdalena nicht nur seine überragende handwerkliche Virtuosität, sondern die anrührende, manchmal sogar fast erschreckende Lebendigkeit und Bewegtheit seiner Figuren: eine verblüffende Lebensnähe, ja kraftvolle Modernität.

Die ganz eigene, für die Zeit ungewöhnlich spontane Wirkung ergebe sich aus der Verbindung von mancher „Nachlässigkeit in der Detailausarbeitung“ und einer „sichtlich expressiv impulsiven Ausführung“, so die Kuratoren. Die Wirkung: Bei Gerhaert scheint selbst Stein zu atmen.

Zur Person

Über Niclaus Gerhaerts Leben gibt es kaum verlässliche Angaben. Vermutlich wurde er um 1430 im niederländischen Leiden geboren. Seine Lehr- und Gesellenzeit dürfte er in Burgund und im südniederländisch-nordfranzösischen Raum verbracht haben. Ab 1462 war er nachweislich in Straßburg tätig. In diesem Jahr signierte er das Grabmal des Erzbischofs und Kurfürsten von Trier, Jakob von Sierck - die Grabplatte befindet sich im Dom- und Diözesanmuseum Trier. 1467 warb ihn Kaiser Friedrich III. ab. Seine Familie ließ Gerhaert in Straßburg zurück, vermutlich wollte er zurückkehren. Er starb aber 1473 in Wiener Neustadt. Die Steinskulptur rechts gilt als Selbstbildnis. (vbs)

Welche Bedeutung Niclaus Gerhaert hatte, macht das intensive Werben Friedrichs III. um den Bildhauer deutlich. Er solle nach Wien kommen, um „etlich Grabstein zuhowen“, forderte der Kaiser. Tatsächlich zählt die Deckplatte des Grabmals von Friedrich III. selbst im Wiener Stephansdom zu seinen wichtigen Werken. Ebenso wie seine „Dangolsheimer Muttergottes“, die aus konservatorischen Gründen im Berliner Bode-Museum bleiben musste, ist das Wiener Grabmal via Monitor in der Ausstellung präsent. Gerhaerts 2,30 Meter hohes Kruzifix in der Stiftskirche Baden-Baden ist als Gipsabguss zu sehen.

Zusammengeführt werden aber die erhaltenen Teile des Portalschmucks der alten Kanzlei in Straßburg (der Kopf der „Bärbel von Oppenheim“ gehört dem Liebieghaus).

Wer Zeit hat, kann viel lernen, über kunsttechnologische Untersuchungsmethoden und Konservierungen, die der Schau vorausgingen, über mittelalterliches Denken, Heiligenlegenden und biblische Figuren. Da gibt es ein Christuskind mit Trauben, das Haupt Johannes des Täufers auf einer Schale, einen heiligen Adrian und vieles mehr. Und nicht zuletzt herrliche Figurengruppen der Geburt Christi.

Von Mark-Christian von Busse

Service:

Die Ausstellung ist bis zum 4. März im Liebieghaus, Schaumainkai 71, Frankfurt, zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Fr-So 10-18 Uhr, Mi, Do 10-21 Uhr. Informationen: Tel. 069/6500490, www.liebieghaus.de. Eintritt: 9 Euro. Der Katalog aus dem Michael Imhof Verlag kostet im Museum 39,90 Euro, im Buchhandel 49,90 Euro. Ein Begleitheft (ab 12 Jahren) gibt es für 7,50 Euro. Vom 30. März bis 8. Juli wird die Ausstellung im Musée de l’Œuvre Notre-Dame in Straßburg gezeigt. (vbs)

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