Tanzchef Johannes Wieland erzählt in „Scheherazade“ von den Geschlechtern

„Scheherazade“ an Kassels Staatstheater: Man sollte eine Frau sein

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Gefühlschaos: Die Tänzer Yen-Fang Yu (von links), Weronika Pelczynska, Alessio Attanasio und Eva Mohn.

Kassel. Im Auge des emotionalen Orkans muss es zugehen wie bei Annamari Keskinen und Giacomo Corvaia. Bevor sie ihr atemberaubendes Duett tanzen in Johannes Wielands „Scheherazade“ am Kasseler Staatstheater, kündigt die Schauspielerin Beth Griffith „Berichte aus dem Inneren eines Gefühlstornados“ an.

Nächste Aufführungen

31.3., 6. und 15.4. Karten unter 0561/1094-222.

Wie ein Unwetter sieht es dann auch aus, wenn Keskinen und Corvaia sich aneinanderschmiegen, sich wie Ringkämpfer am Boden mit Scherenschlägen bearbeiten und dann durch die Luft fliegen, als gäbe es nichts Schöneres. Tanzdirektor Wieland interessiert beim klassischen Stoff aus Tausendundeiner Nacht vor allem der Geschlechterkampf.

Die Geschichte des Sultans Schahrayar und Scheherazade wird nur angedeutet. Nachdem er von seiner Frau betrogen wurde, nimmt er jeden Tag eine neue Frau zur Gattin und tötet sie am nächsten Morgen. Erst Scheherazade überlistet den brutalen Patriarchalismus des Königs, indem sie ihm in Tausendundeiner Nacht Geschichten erzählt, ohne das Ende zu verraten. So lässt er sie am Leben.

Beim Publikum im fast ausverkauften Opernhaus sorgt das alles für ein Gefühlschaos. Nach zweimal 40 Minuten gibt es langen Applaus, aber auch Buh-Rufe für Wieland. Dabei hat er mit Stephanie Bürger sehr poetische Bühnenbilder geschaffen. Im ersten Teil mit Samples aus Nikolai Rimski-Korsakows sinfonischer Suite regnet es Bindfäden. Der Hintergrund ist eine Wand aus Wasser, in der die Männer im Regen stehen gelassen werden, nachdem sie die Frauen mit dem Kopf voran in den Sand geschmissen und ausgelacht haben.

Als lustige Rache muss das angeblich starke Geschlecht später in Badehosen und mit Förmchen im Sand spielen. Im Programmheft erzählt Natascha Kampusch, dass sie das Martyrium ihrer Entführung nur überlebt hat, weil sie einmal noch lachen wollte. Wieland stellt in seinen Stücken gern Fragen. Diesmal drängt sich diese auf: Sollten wir nicht alle Frauen sein? Man möchte hier jedenfalls kein Mann sein.

Der zweite Teil wird vom Klang des Staatsorchesters unter Marco Comin sowie einem riesigen Sandberg bestimmt, um den die 18 Tänzer alle Spielarten der Bewegung zeigen. In den Massenszenen wirken die Geschlechtergruppen bisweilen wie Roboter, im nächsten Moment entsteht intime Nähe. Es ist so schön und abenteuerlich wie Ryan Masons Solo, bei dem er horizontal durch die Luft fliegt.

Griffith schaut sich das Treiben derweil von der Spitze der Sandpyramide an und fragt, ob Gott nicht eine Frau sei. Da sieht sie aus wie Alanis Morissette, die als Göttin in Kevin Smiths Filmsatire „Dogma“ zwei Engel davon abhält, das Gefühlschaos der Menschen mit dem Tod zu bestrafen. Wie Wielands „Scheherazade“ ausgeht, soll nicht verraten werden. Denn die Männer, sagt Griffith, seien „immer alle so besessen davon, wie es endet“. Da sind sie nicht anders als die Frauen.  (Matthias Lohr)

Die Musik in „Scheherazade“: Orientalisches Fest

Das berühmteste Werk des sogenannten St. Petersburger Orientalismus ist Nikolai Rimski-Korsakows sinfonische Suite „Scheherazade“ aus dem Jahr 1888. Einige verfremdete Bruchstücke daraus erscheinen bereits im ersten Teil in einer Klanginstallation, die Johannes Wieland mit Donato Deliano kreiert hat. Es gibt Loops, Schleifen mit Wiederholungen kurzer musikalischer Motive, und als reizvollen Kontrast authentische iranische Musik, und zwar das Lied „Caravan“ des Sängers Gholam-Hossein Banan (1911-1986).

Im zweiten Teil erfüllen das Staatsorchester Kassel und der 1. Kapellmeister Marco Comin die so lohnende, weil brillant instrumentierte Vorgabe mit großem Einsatz. Rimski-Korsakows viersätzige Suite enthält machtvolle Steigerungen ebenso wie vielfältige Möglichkeiten zum solistischen Glanz einzelner Musiker. So stehen Arabesken der Solovioline für die Gestalt der Scheherazade - von Konzertmeister Razvan Hamza betörend schön gespielt. Auch die weiteren Solisten Sabine Nobis (Oboe), Sabine Neher (Klarinette), Judith Hoffmann (Flöte), Klaus-Dieter Ammerbach (Fagott), Adrian McLeish (Horn), Manfred Schumann (Violoncello) und Caroline Klute (Harfe) trugen zum Klangfest bei.

Von Georg Pepl

Das Ensemble mit Brea Cali, Annamari Keskinen, Elisabetta Lauro, Eva Mohn, Lillian Stillwell, Giacomo Corvaia, Cesar Augusto Cuenca Torres, Ryan Mason, Michele Meloni sowie den Gästen Weronika Pelczynska, Laura Ramos Santana, Szu-Wei Wu, Yen-Fang Yu, Alessio Attanasio, Chelsea Nicole Ainsworth (Aspirantin), Radoslav Piovarci (Aspirant), Viktor I. Usov (Aspirant) und Beth Griffith (Schauspielerin).

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