Premiere bei den Domfestspielen

"Sommerfrische" in Bad Gandersheim: Glänzend in den Ruin

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Großartiger Zickenkrieg: Tabea Scholz als Vittoria (links) und Julia Friede als Giacinta. Foto: Jelinek

Eine knackige Version der Carlo-Goldoni-Komödie "Sommerfrische" hatte am Donnerstag bei den Domfestspielen in Bad Gandersheim Premiere. Das Ensemble lief zu guter Form auf.

Bad Gandersheim. Einen Laufsteg hat Sandra Becker (Ausstattung) vor das mächtige Portal der Bad Gandersheimer Stiftskirche gesetzt, wo am Donnerstagabend in zauberhafter Kulisse und Abendstimmung bei den Domfestspielen das von Tom Klenk inszenierte Stück „Sommerfrische“ eine mit viel Applaus bedachte Premiere feierte. Die Protagonisten der Komödie nach Carlo Goldoni - in Tableaus im Hintergrund immer präsent - traten anfangs auf diesem Catwalk prominent hervor, stellten sich in Glitzerklamotten selbstgewiss vor, angeberisch, aufgedreht. Mehr scheinen als sein die Devise: „Wer in der Welt was darstellen will, darf nicht nachstehen.“

Koste es, was es wolle, damit bloß die Leute nicht reden - und sei das Luxusleben, das Schwelgen in Saus und Braus auch eines auf Pump, nahe am Bankrott, kurz vorm Ruin, sodass nur ein Erbe oder eine Mitgift Auswege aus der Pleite bieten: Es muss also geheiratet werden. Ein fauler Kompromiss. Aber zählen Vernunft und Verzicht in Form des längst aufgesetzten Ehevertrags, wenn plötzlich wahre Leidenschaft aufflammt?

Es dauert eine Weile, bis man das Personal sortiert hat, das da gemeinsam in die Ferien nach San Remo reisen soll, auch bis das Stück Schwung bekommt und Fahrt aufnimmt. Abhängigkeiten und Missgunst, Berechnung, Liebeleien, Eifersucht und Gier, Schmarotzen und Süchte kristallisieren sich heraus. Dann aber läuft das homogene Ensemble in all seiner Dauer-Rage zu guter Form auf.

Wunderbar, wie Giacinta (Julia Friede), die Leonardo (Gunter Heun) versprochen, aber Guglielmo (Patrick Stamme) verfallen ist, den Zickenkrieg mit Vittoria (Tabea Scholz) führt. Die hat nämlich auch ein Auge auf Guglielmo geworfen, Vater Filippo (Hans-Jörg Frey) ist einverstanden. Schrill und überdreht spielen die Damen durchgängig, in ihrem direkten Duell treiben sie ihre Rivalität gekonnt und präzise auf die Spitze. Dominika Szymanska und besonders Dirk Schäfer machen aus den Diener- viel mehr als Nebenrollen, gerade in einer Maskenszene, in der sie den anderen den Spiegel vorhalten.

Die Figuren von Ferdinando (Karsten Kenzel) und Sabina (Rebecca Siemoneit-Barum, die „Iffy“ aus der „Lindenstraße“) illustrieren die maßlose Selbstbezogenheit dieser auf Zocken, „Champagner, Trüffel, Schokolade“ und Techtelmechtel versessenen Gesellschaft, die eine innere Leere betäubt. Bis am Ende Strippenzieher Fulgenzio (als Mafioso gezeichnet: Andreas Torwesten) die moralisch wie finanziell insolventen Selbstdarsteller wie Marionetten dastehen lässt. Einzig die Funktion von Costanza (Christine Dorner) bleibt unklar.

Vielleicht, weil Goldonis (1707-1793) „Trilogie der Sommerfrische“ in der von Ulrich Cyran eingerichteten Fassung radikal auf knackige eindreiviertel Stunden gekürzt wurde. Mit Disco- und Techno-Rhythmen (Musik: Jens Mahlstedt) und sprachlich ist diese Version ganz heutig, manchmal auch plakativ. „Scheiße, ist das geil hier“, ruft Ferdinando in San Remo. Ein voreiliger Triumph. Nichts geht mehr, wird es am Ende heißen.

Nächste Termine: 6., 20., 23., 26., 29.7., Tel. 05382/73-777, www.gandersheimer-domfestspiele.de

 

Von Mark-Christian von Busse

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