Langer Applaus für die Inszenierung 

Knalliger  "Sommernachtstraum" am Kasseler Staatstheater

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Auf der Suche nach der wahren Liebe: (von links) Lukas Umlauft als Demetrius, Rahel Weiss als Hermia, Pauline Kästner als Helena und Marius Bistritzky in der Rolle des Lysander in der Inszenierung „Ein Sommernachtstraum“ im Kasseler Schauspielhaus.   

Kassel. Laura Linnenbaum inszeniert am Kasseler Staatstheater Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" und zeigt, dass man das x-mal gezeigte Stück auch ganz aktuell lesen kann. 

Die Liebe ist wie ein Luftballon: Sie kann zerplatzen. Mit einem Knall wird sie dann zu einem luftigen Nichts. Eine Wand aus großen weißen Ballons ersetzt den Vorhang, verdichtet die Bühne und wird schon bald zum Wald – einem organischen Innengewölbe – in dem sich die in Hochzeitskleidern steckenden Verliebten und die Zauberwesen verirren. Der Zaubersaft, der Menschen und Elfen in Liebe ausbrechen lässt, sobald sie die Augen aufschlagen, fällt wie Glitter-Konfettiregen auf die Bühne im Kasseler Schauspielhaus herab. Auch zu einer quirligen Verfolgungsjagd zur Rummelplatzmusik wird es kommen und zu wüsten Beschimpfungen – ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, getrieben vom Begehren, bei dem jeder mal zum Jäger und zum Gejagten wird.

Der „Sommernachtstraum“, den Laura Linnenbaum jetzt für das Kasseler Staatstheater inszeniert hat, zeigt, wie aktuell das x-mal gezeigte Shakespeare-Stück gelesen werden kann. Die Gast-Regisseurin war mit dem Generationen-Stück „Die Unverheiratete“ 2016 bereits in Kassel zu erleben.

Klassischer Stoff mit modernem Blick

Dem klassischen Stoff über die vier jungen Liebenden, die erst mal alle an den Falschen geraten, einen frechen Puck (Maria Munkert) und ein Strippen ziehendes Elfenkönigspaar nähert sich Linnenbaum mit heutigem, modernen Blick. Sie gestattet sich manchen schnellen kleinen Witz. Setzt auch auf Klamauk (beim eselsköpfigen Zettel). Sie macht aber auch sichtbar, wie die ganze Sache vor allem für die beiden Frauen doch nicht nur ein Späßchen ist.

Lysander (Marius Bistritzky), Hermia (Rahel Weiss), Demetrius (Lukas Umlauft) und Helena (Pauline Kästner) tragen Brautkleider – in den letzten Gefühlsumwälzungen teils nur weiße Unterwäsche (Kostüme: Ulrike Obermüller). Sie betreten die Bühne anfangs einzeln, sagen „Ich liebe dich“ ins Mikrofon. Schon dabei wirken sie vor allem verliebt in den Zustand des Verliebtseins.

Intensive Momente mit Bildern und Metaphern 

Der knapp zweieinhalbstündige Theaterabend, der am Samstagabend Premiere hatte, ist trotz aller Drolligkeiten und witzigen Einfälle keineswegs kitschig. Toll, wie Konstantin Marsch als Zettel kurz den amerikanischen Präsidenten Donald Trump gibt und zum Brüllen komisch, wie Artur Spannagel als Schreiner Schnock zum braven Löwen wird. 

Das Abgleiten verhindern zum einen das feine Gespür Linnenbaums und der Schauspieler für die intensiven Momente, für zauberhafte Bilder und Metaphern. Und zum anderen die Auswahl der Musikstücke: Etwa das immer wieder erstaunlich perfekt passende „Wicked Game“ von Chris Isaak. Das gibt es rockig und mal sanft von der Lysander-Hermia-Helena-Demetrius-Band und auch auf der Nasenflöte von den Handwerkern zu hören. Die bodenständigen Praktiker mit ihrem Spiel im Spiel beeindrucken mit herrlich plumpem Auftreten.

Natürlich ist es auch ein böses und wortgewaltiges Spiel, mit einer teils brutal-schrillen Sprache („Fette Fotze“, „Bulemie-Opfer“, „Arschloch“), was Linnenbaum so mit etwas Ruckeln in das Jetzt katapultiert. Doch gelingt es ihr, all das mit Shakespeare zur Einheit zu runden. Allzuviel Süße verhindert das nüchterne, gänzlich abstrakte weiße Ballon-Bühnenbild von Daniel Roskamp, das in schwarz-weiß und mal in liebeswahnsinniges-rosa getaucht (Licht: Oskar Bosmann) wird. Das dichte Spiel der Darsteller sorgt für Zug und Spannung in der Inszenierung. Es lässt fast immer auch die düstere Ebene unter der Komik spürbar werden – in allen Welten schreibt man Streit groß. 

Szenenbild: Maria Munkert als Puck und Bernd Hölscher als Oberon. 

Bernd Hölscher glänzt auch bei seinem zweiten großen Auftritt der Woche: nach seiner Rolle im Kinofilm „Der Hauptmann“ nun als streng-verzweifelter Oberon und Theseus.

Insgesamt entsteht eine hohe Spielenergie, die in einer rauschhaften Nacht im Wald gipfelt – und so manchen Traum an die Liebe mit lautem Knallen platzen lässt. Minutenlanger, begeisterter Applaus.     

Nächste Aufführungen: 23.3., 31.3., Karten: 0561/1094222, www.staatstheater-kassel.de

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