Sommertheater: Das Leben als Flippermaschine

Weiß nicht, wie es weitergeht: Peter Elter als Tommy (von links) mit Laja Field, Sabrina Ceesay und Eva-Maria Keller. Fotos: Klinger

Kassel. Patrick Schlösser inszeniert am Kasseler Staatstheater die Rockoper „The Who's Tommy". Große leuchtende Bälle schweben geheimnisvoll durch den Raum.

Sie ändern immer wieder ihre Farbe, werden von den Darstellern geworfen und gefangen. Und später auch vom Publikum, das mehr und mehr einbezogen wird in dieses poetische Spiel mit den überdimensionalen Flipperkugeln. Das Leben: eine Flippermaschine. Wer schafft es, sich nicht wie eine Kugel herumschießen zu lassen? Patrick Schlösser inszeniert am Kasseler Staatstheater die Rockoper „The Who’s Tommy“ von Pete Townshend und verbreitet in 90 knallig-bunten und lauten Minuten Festivalstimmung. Die ausverkaufte Premiere wurde am Freitag mit Standing Ovations gefeiert.

Die Band unter Leitung von Thorsten Drücker gibt akustisch Vollgas, peppt die Rockklassiker aber mit elektronischen Sounds auf und bricht die Rockerposen immer wieder ironisch – etwa mit Dankwart Pankow-Horstmann, der mit Brokatanzug und Rauschebart den gravitätischen Dirigieronkel gibt.

Wer eine klassische Handlung erwartet, wird enttäuscht sein. Schlösser erzählt weniger eine stringente Geschichte als einen Seelenzustand: Ein Junge befreit sich.

Schwieriges Beziehungsleben: Agnes Mann als Mrs Walker und Bernd Hölscher als Lover.

Storyelemente wie Soldat, Liebhaber, Tod, Trauma, Krankenhaus, Weihnachten, Flippern oder Heldenverehrung kommen nur in sehr abstrahierter Form vor – ein Bilderbogen des Erwachsenwerdens, in den allerdings nicht zu viel Tiefgang hineinprojiziert werden sollte. Zu flippigen Tanzchoreografien von Michael Langeneckert, bei denen auch mal Luftgitarre und Luftschlagzeug gespielt wird, zur Videokunst von Stefan Pfeifer und zu den märchenhaften Kostümen von Wiebke Meier mit transparenten Umhängen für die Frauen und Hiphopper-Blumenshirts für die Männer passt die Bühne von Ulrike Obermüller, die als riesiger Laufsteg längs durch den Zuschauerraum gebaut ist. Dies alles erzeugt einen ansprechenden, abwechslungsreichen Bilderrausch, der zwischen Witz und Emotion ausgepegelt ist.

Mitglieder aus Tanz- und Schauspielensemble stehen gemeinsam auf der Bühne. Aljoscha Langel ist als Uncle eine mephistophelische Figur, sein Song „Fiddle about“ gehört zu den Höhepunkten des Abends. Bernd Hölscher mit großartiger strähnig-blonder Minipli-Matte und goldenem Siegergürtel sieht als ehemaliger Pinball Wizard aus wie ein abgehalfterter Wrestler, Agnes Mann als Tommys Mutter Mrs. Walker sorgt mit ihrer tollen Stimme für Gänsehautmomente.

Vor allem aber ist es ein Abend für den wunderbaren Peter Elter in der Titelrolle, der mit dieser Produktion als Ensemblemitglied am Staatstheater verabschiedet wird. Charismatisch und verletzlich, jungenhaft und abgeklärt legt er seinen Tommy vielschichtig an. Er tanzt, rennt, hält inne, sucht, findet. Und auch in seinem ausdrucksstarken Gesang, vor allem natürlich bei dem Song-Höhepunkt „I’m free“ sorgt er für jede Menge Gänsehaut.

Zahlreiche Termine im Schauspielhaus bis 2. August, Karten: 0561-1094-222.

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