Sommertheater-Premiere: Aus einem Faust werden drei

Kassel. „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Fast 50 Jahre lang schrieb Goethe an seinem „Faust“ - die tragische Geschichte eines Gelehrten, der am Leben und der Wissenschaft verzweifelt.

Um Glück und Liebe zu bekommen, geht er einen folgenschweren Pakt mit dem Teufel ein. Anders als das spätere Drama fokussiert sich der Stoff in der Erstfassung, dem „Urfaust“, auf die tragische Liebesgeschichte seiner Protagonisten – Faust und Margarete, das Gretchen.

Regisseur Volker Schmalöer und das Schauspielensemble des Kasseler Staatstheaters brachten die Urfassung am Freitag vor nicht ganz gefüllten Rängen unter freiem Himmel vor der Löwenburg als Sommertheater-Premiere heraus. Der „Urfaust“ vor der Löwenburg - schon optisch ein Erlebnis. Die Bühne (Daniel Roskamp), ein großes hölzernes Labyrinth, verbindet sich mit der Parkanlage. Auch die ansteigenden Hänge und Wege werden bespielt.

Auf einem dieser Wege erblickt der junge Faust das Objekt seiner Begierde: Gretchen, keusch, jung, hübsch, gläubig. Herz und Hormone spielen verrückt. Er muss sie besitzen - und wird sie ins Unglück stürzen.

Möglich macht es der Pakt mit dem Teufel - und der ist hier weiblich und wird von Birte Leest mal im Stile einer gestressten Managerin, mal mit zynischer Schadenfreude gebelzebubt. Mephisto als erotische Frau mit bis über die Hüfte reichender roter Haarmähne – eine ansprechende Variante. Und was singt diese Dunkelgestalt zusammen mit dem Geisterchor? Na klar, den Stones-Hit „Sympathy for the Devil.“

Das Gegenstück, Gretchen (Anna-Maria Hirsch – sehr überzeugend, eine Idealbesetzung), wird zur Mörderin ihres Neugeborenen und landet im Kerker. Und Faust? Der ist gleich dreifach, im Wandel seiner Lebensalter, besetzt. Peter Elter pendelt als junger Faust gekonnt zwischen aalglattem Verführer und Aufbegehren gegen Mephisto. Auch Jürgen Wink als alter, hilflos wirkender Faust mit Einsteinfrisur und Enrique Keil als selbstbewusster Mann in den mittleren Jahren überzeugen.

Gleiches gilt auch für Matthias Fuchs (Wagner), Dieter Bach (Frosch), Thomas Sprekelsen (Siebel) sowie Bernd Hölscher als verzweifelten Bruder Gretchens. Uwe Steinbruch hatte als schräge Lebedame Marthe die Lacher auf seiner Seite wie auch Christoph Förster als herrlich tollpatschiger Student. Vielseitig wurde auch der Chor der Geister in Szene gesetzt - wenngleich etwas obskur humorvoll mit Plastikpenis und Kuhglocke ausgestattet.

Originell, das Bläserensemble als Jäger zu kleiden (Kostüme: Ulrike Obermüller), polarisierend jedoch, sie im Moment der größten Tragik - Grete verweigert im Kerker ihre Rettung - mit volkstümlicher Blasmusik zu beauftragen. Gleiches gilt für die riesige Mutter-Gottes-Statue, die hoch aus der Bühne aufsteigt und gruselig leuchtende Augen hat. Keine Ovationen, aber viel Applaus.

Von Steve Kuberczyk-Stein

Rubriklistenbild: © Foto:  Klinger

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