„Songs of the T-Shirt“: Ein Stück des Flinntheaters über Billigtextilien

Bearbeiten vielfältige Aspekte der Textilproduktion auf der Bühne: Lea Whitcher (von links), Sonata und Lisa Stepf. Foto: Barta/ nh

Kassel. Rattern und das schwache Licht der Nähmaschinen erfüllen den Bühnenraum. Die Zuschauer stehen zu Beginn des Stücks „Songs of the T-Shirt“ zwischen drei Frauen, die an ihren Arbeitsgeräten kauern. Ein Zipfel der Kleidung, die sie tragen, liegt unter dem Nähfuß und wird gerade vernäht – Arbeiten und Sein ist hier eins. Ihre Gesichter sieht man nicht. Aber ihre Geschichten werden erzählt.

Das Flinntheater hat ein Stück entwickelt, das von der Textilproduktion in Bangladesh erzählt. Sophia Stepf führt Regie bei dieser Theater gewordenen Recherche zu Billiglöhnen, Arbeitssicherheit und der Situation der Frauen an den Nähmaschinen in Dhaka. Am Donnerstag wurde die ausverkaufte Kasseler Premiere lang beklatscht, in den Berliner Sophiensälen war das Stück vergangene Woche erstmals gezeigt worden.

Die Spielerinnen Lea Whitcher, Lisa Stepf und die aus Bangladesh stammende Sonata erzählen von Frauen zwischen rabiaten Ehemännern und dem Selbstbewusstsein, das eigener Lohn verschafft. Jedem Protokoll ist eine Funktion in der Fabrik zugeordnet: Rückenteil ausschneiden, Schulternaht zusammennähen.

Diesem eindrucksvollen Beginn folgen lose vernähte Episoden aus der Recherche mit Fabrikbesitzern und Aktivistinnen. Dazu Selbstreflektionen (wie wird so ein Theaterstück glaubwürdig?) und Tanz zwischen Bollywood und Selbstgeißelung (soll Schuldgefühle westlicher Konsumenten zeigen). Der Erzählgestus wird hier manchmal etwas didaktisch, die Texte sind sprachlich wenig durchgeformt. Insgesamt überzeugt aber das Projekt, auf der Bühne das Problemfeld Billigtextilien aufzufächern. Beklemmung wecken Berichte vom Unglück in der Fabrik Rana Plaza 2013. Die genialen Schlauchkostüme von Philippe Werhahn lassen sich für die Szenen in immer neue Looks krempeln.

Am Ende die bedrückende Erkenntnis: Wer keine Billig-Shirts mehr kauft, beschwichtigt zwar sein Gewissen, den Frauen in Bangladesh hilft das aber erst mal auch nicht.

Weitere Vorstellungen: 4. bis 6. November (!) im tif.

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