Das Symbol galt lange als Verlierer-Logo - nun ist es Teil der Popkultur und sogar in der „Bravo“

Das Comeback des Anti-AKW-Symbols 

Symbol der Bewegung: Atomkraftgegner protestierten mit solchen Flaggen im November 2010 in Dannenberg gegen den Castor-Transport. Anti-Atomkraft-Gruppen dürfen das Logo kostenlos verwenden. Unternehmen müssen bei der dänischen Stiftung OOA Fonden eine Lizenz kaufen. Der Erlös kommt Initiativen gegen Kernkraft zugute.

Die dänische Studentin Anne Lund ahnte nicht, dass sie gerade die Welt veränderte, als sie vor 36 Jahren in ihrem Zimmer saß und ein kleines Bild malte. Es war eine lachende rote Sonne vor gelbem Hintergrund. Dazu eine Frage und eine freundliche Antwort: „Atomkraft? Nein Danke“.

Anne Lund

Lund ist heute 57 und arbeitet als Volkswirtin in Aarhus. Ihr Logo, das es in 45 Sprachen gibt und bis heute angeblich 60 Millionen Mal verkauft wurde, hat sie nicht reich und auch nicht berühmt gemacht. Trotzdem gibt es für Lund kaum etwas Wertvolleres als die strahlende Sonne. „Das Logo zeigt mir, man kann etwas bewegen“, sagt sie.

Wahrscheinlich lag es auch an Lund und ihrem Symbol, dass das Atomzeitalter in Dänemark bereits 1985 zu Ende gegangen ist. In allen anderen Ländern erlebt das Anti-AKW-Logo nach der Katastrophe im japanischen Fukushima eine Renaissance. Die „Bravo“ druckte es gerade als Poster, was abgesehen von einem Plakat des US-Präsidenten Barack Obama das einzige politische Statement in der 50-jährigen Geschichte des Jugendmagazins ist.

Grafisch indiskutabel

Bei den deutschen Kernkraftgegnern der Initiative Ausgestrahlt, die Aufkleber, Buttons und Anti-Atom-Bonbons verkauft, gehen täglich bis zu 1000 Bestellungen ein. Normal, sagt Sprecher Jochen Stay, sind 30. Zeitweise gab es Lieferengpässe. Bands wie Wir sind Helden stellen den Button auf ihre Webseite. Die Grafik ist damit Teil der Popkultur geworden.

Das ist insofern erstaunlich, da das Symbol „grafisch indiskutabel und dilettantisch“ ist, wie der Berliner Designer Nicolaus Ott urteilt, der an der Kasseler Kunsthochschule Professor für Plakatgestaltung und Visuelle Kommunikation ist. Auch Lund fand ihren ersten Entwurf alles andere als professionell. Zudem galt die Grinsesonne lange als Verlierer-Logo, weil man bei ihr auch immer an die Klischees der Öko-Bewegung wie die Jutetasche und Vollbart denken musste, wie die „FAZ“ ätzte.

Mehr Informationen finden Sie auch unter www.faz.net

Und dennoch ist das Logo unschlagbar. Anders als etwa das Warnzeichen für Radioaktivität, das 1946 von Nuklearwissenschaftlern in Kalifornien erfunden wurde, ist es positiv besetzt. Zudem hat es auch dank seiner energiereichen Farben mittlerweile einen Wiedererkennungswert wie die Symbole von McDonald’s und Coca-Cola.

Selbst als der „Spiegel“ das Logo vor drei Jahren anlässlich einer Geschichte über das „unheimliche Comeback“ der Kernkraft auf dem Titel untergehen ließ und nur zur Hälfte abbildete, wusste jeder gleich, was gemeint war. Der Maler Daniel Richter meint, dass die Sonne nicht besser zu machen sei. „Das Authentische würde kaputt gehen“, sagt Designer Ott.

Tatsächlich sieht das Logo fast immer noch so aus wie vor 36 Jahren. Nur eine Sache haben die Atomkraftgegner von Ausgestrahlt zuletzt ändern lassen: Die Sonne hat die Augen jetzt nicht mehr geschlossen. Geschlafen wurde beim Thema Kernkraft ja lang genug.

Das Logo als Aufkleber gibt es im Zehnerpack für zehn Cent über www.ausgestrahlt.de

Von Matthias Lohr

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