„Solar“ ist Ian McEwans Antwort auf Fragen unserer Zukunft

Sex und Sonnenenergie

Ian McEwan Foto:  dpa

Er ist gierig, dick, sexsüchtig und rücksichtslos in seinen menschlichen wie beruflichen Beziehungen. Trotzdem laufen ihm die Frauen nach, er hat zahllose Affären und ist zum fünften Mal verheiratet, auch wenn die Ehe am Ende ist. Denn Michael Beard, der Held von Ian McEwans neuem Roman „Solar“, hat ein internationales Renommee als Physik-Nobelpreisträger, das er weidlich ausnutzt, ohne dass er in den Jahrzehnten seit der Preisverleihung noch wissenschaftliche Leistungen vorgelegt hätte. Er reitet auf der Welle populärer Themen wie Klimawandel, Erderwärmung, erneuerbare Energien und sonnt sich in einem Ruhm, den er längst nicht mehr verdient.

Das kann nur böse enden. Ian McEwan, der zu den besten englischen Schriftstellern der letzten Jahre zählt, hat eine groß angelegte Satire geschrieben, in der wissenschaftliche Modeströmungen genauso ironisiert werden wie die charakterlichen Schwächen seines egozentrischen Protagonisten, der neben dem alles beherrschenden Drang nach Erfolg, Geld und Frauen auch über eine beträchtliche kriminelle Energie verfügt. So betrügt er seinen Assistenten Tom Aldous, der eine Affäre mit seiner Frau Patrice hat, um neuartige Forschungsergebnisse über künstliche Photosynthese und lässt ohne schlechtes Gewissen einen Mitarbeiter wegen Mordes verhaften, als Tom durch einen Zufall auf dem Eisbärenfell vor Beards Kamin ausgleitet und sich mit dem Kopf an der Ecke eines Glastischs tödlich verletzt. Mit dessen Ergebnissen macht er Kasse.

Aber er steht sich auch immer selbst im Wege, ob durch frauenfeindliche Äußerungen oder maßlose Gier in allen Lebenslagen. Obwohl McEwan den wissenschaftlichen Hintergrund seines Romans recherchiert hat, ist dies nicht in erster Linie eine Wissenschaftssatire, sondern eine schwarze Charakterkomödie, die genüsslich ausmalt, wie die Zukunft der Menschheit aussehen könnte, wenn sie in den Händen gewissenloser Blender wie Beard läge. Mc-Ewans komischstes Buch seit Langem.

Ian McEwan: Solar. Diogenes Verlag, 405 Seiten, 21,90 Euro. Wertung: !!!!:

Von Claudia v. Dehn

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