Star am Mittwoch im Kulturzelt

Sophie Hunger im Interview: „Ich drohe anderen mit dem Tod“

+
Sophie Hunger

Kassel. Die Schweizerin Sophie Hunger gilt als erfolgreichster Pop-Export der Eidgenossen. Die 30-Jährige bewegt sich gekonnt zwischen allen Genregrenzen, wurde schon auf dem Jazz-Festival in Montreux und bei großen Rock-Festivals gefeiert. Am Mittwoch gastiert sie zum zweiten Mal im Kasseler Kulturzelt.

Frau Hunger, als Sie vor vier Jahren zum ersten Mal in Kassel auftraten, war unser Kritiker völlig aus dem Häuschen, allerdings auch ein bisschen erschrocken, weil Sie unserer Fotografin drohten, sie umzubringen, falls sie weiter fotografieren würde.

Sophie Hunger: Das klingt tatsächlich nach mir: Es passiert mir häufiger, dass ich jemandem mit dem Tod bedrohe. Dabei habe ich eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zu Fotografen. Nur gibt es manchmal Momente, wo es ganz still ist, also wirklich ganz, ganz, ganz still. Und dann kommt jemand mit so einer Bazooka und macht Krawumm und Klickklick. In solchen Momenten denke ich immer an den Tod.

Das werde ich der Fotografin sagen, die immer noch traumatisiert ist. In Ihrem sehr schönen Lied „Das Neue“ über die Bedeutung von Wörtern singen Sie, 30 sei das neue 20. Wie ist es jetzt mit 30 für Sie?

Hunger: Ich finde es sehr gut, weil man quasi wieder bei null anfängt. Es fühlt sich an, als hätte ich noch nichts gemacht in meinem Leben. Ich mache gerade meine ersten unbeholfenen Sachen – nur dass ich jetzt viel Geld habe.

Wirklich? Ich dachte, mit Musik kann man heute nichts mehr verdienen.

Hunger: Stimmt, das war jetzt so ein halber Witz. Ich habe schon ein bisschen mehr Geld als mit Anfang 20. Aber reich wird man als Musiker heute nur noch, wenn man jemand wie Lady Gaga ist.

Das mit dem Neuanfang kannten Sie schon als Kind. Als Diplomatentochter mussten Sie häufig umziehen. War das schwierig?

Hunger: Nein, ich wurde ja darauf vorbereitet. Und es war auch deshalb nicht schwierig, weil ich nirgendwo richtig angekommen bin. Wenn wir in neue Städte gezogen sind, habe ich mir lustige Geschichten ausgedacht von Dingen, die ich früher erlebt hätte – zum Beispiel, dass ich in England mit einer Bande in der Kanalisation gehaust hätte. Ich wollte einfach angeben.

Wir Journalisten tun uns schwer, Ihre Musik in Schubladen zu stecken. Ist das Pop, Jazz, Blues oder Indierock?

Hunger: Das ist mir eigentlich egal. Ich finde diese Aufteilung ein bisschen altmodisch – 20. Jahrhundert würde ich sagen. Für junge Musiker wird es immer unwichtiger, ob etwas Jazz oder etwas anderes ist. Man nimmt alles, was man hat und vermischt diese Elemente. Das ist das, was Popmusik am Ende ist.

Früher waren Sie Fan der Band Radiohead. Sie haben sogar versucht, das linke Augenlid hängen zu lassen wie der Sänger Thom Yorke, bei dem das Folge einer Lähmung war. Klingt auch wie ein halber Witz.

Hunger: Nein, das stimmt wirklich. Wenn man jemanden so sehr liebt, wie ich Thom Yorke geliebt habe, dann identifiziert man sich mit dieser Person. Dann passiert es, dass man auch so sein möchte. Deshalb war es für mich wichtig, dass mein Auge so ist wie das von Thom Yorke. Irgendwann habe ich diesen Tick aber abgelegt.

Jetzt werden Sie in Talkshows als kommender Weltstar angekündigt. Wie gehen Sie damit um, nun selbst ein Vorbild für andere zu sein?

Hunger: Damit kann ich mich nicht richtig identifizieren. Ich habe das Gefühl, dass ich immer noch am Anfang stehe und die wichtigen Sachen erst noch machen muss.

In der Schweiz waren Sie auf Platz eins der Charts. Können Sie überhaupt noch ungestört durch Zürich laufen?

Hunger: Das geht gut. Ich habe ein unauffälliges Äußeres und kann mich sehr gut in einen Straßenköter verwandeln. Dann erkennt man mich nicht. Außerdem sprechen einen die Schweizer nicht einfach an. Wenn jemand bekannt ist, darf man das der Person nicht zeigen. Es müssen alle auf der gleichen Stufe stehen. Selbst der Tennis-Profi Roger Federer könnte hier durch die Straßen gehen. Wir hassen alles, was Hierarchisch ist – bis zu dem Grad, wo es fast schon beschränkt ist.

Das müssen Sie erklären.

Hunger: In den Schweizer Skigebieten muss man oft am Lift anstehen. Seit einigen Jahren gibt es nun eine Extraspur, auf die man sich nur stellen darf, wenn man eine VIP-Karte kauft, die dreimal so teuer ist. Dann kann man an allen Leuten vorbei gehen. Aber kein Schweizer würde jemals diese Linie betreten. Er würde sich zu Tode schämen. Darum stehen auf dieser Spur nur Deutsche, Russen, Amerikaner – die normalen Leute halt.

Restkarten für 24 Euro gibt es an der Abendkasse.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.