Sopranistin Simone Kermes: „Die Leute sind völlig aufgelöst“

Die verrückte Königin des Barock - so wird Simone Kermes gern genannt. Mit Alben wie „Colori d’Amore“ und „Dramma“ hat die Sopranistin mit den feuerroten Haaren Furore gemacht, bei Konzerten rockt sie geradezu - und das aberwitzig virtuos. Nun kommt Kermes erstmals nach Kassel.

In der Reihe „Sommer Sinfonie“ des Kultursommers Nordhessen tritt sie am 11. August mit dem Barockorchester La Folia auf. Das Ensemble der Alten Musik wird von Robin Peter Müller geleitet. Programm: Händel und Vivaldi.

Was sind die Kriterien für Ihre Auftritte, wonach entscheiden Sie, wo Sie singen?

Simone Kermes: Meist bin ich in der letzten Zeit unterwegs mit Solokonzerten, das interessiert mich am meisten. Wenn ich den Abend allein bestreite, ist das jedes Mal eine große Verantwortung. Auch von der Energie her ist das Wahnsinn, eine ganz andere Herausforderung als eine Oper oder ein Oratorium. Aber damit fühle ich mich total wohl. Deshalb mache ich fast nur noch Programme, die ich selbst auswähle und zusammenstelle. Ich entscheide auch, wer mir bei welchen Festivals zur Seite steht.

Was schätzen Sie am La Folia Ensemble, mit dem Sie nach Kassel kommen?

Kermes: Das ist noch ein ganz junges Ensemble, das noch nicht lange auf dem Markt ist. Wir haben uns ganz gut zusammengerauft. Die lernen natürlich auch von mir. Es gibt ja keinen Dirigenten, wir machen das zusammen. Wir sind sehr frei, haben aber auch gemeinsam viel Verantwortung. Das ist eine ganz schöne Zusammenarbeit.

Unser Kritiker hat schon 2004 nach den Göttinger Händelfestspielen geschrieben, Sie seien eine „Alleskönnerin“. Was singen Sie selbst am liebsten?

Kermes: Das wechselt doch sehr. Die Barockmusik ist mein Steckenpferd, die Basis aller Musik, die danach kommt. Wenn man das kapiert, ist es einfacher, Mozart zu verstehen, Rossini, den frühen Verdi, Wagner. Alles baut auf der Barockmusik auf. Da ist alles enthalten, deshalb mag ich die so sehr. Aber im Oktober kommt meine neue CD raus, „Bel Canto“, da ist zum Beispiel Bellini, Donizetti, Rossini drauf, auch die „Königin der Nacht“ von Mozart. Ich singe auch Schubert, Wolff und die Wesendonck-Lieder von Wagner in einer neuen Fassung für Quartett, ich mache Operette - da gibt es keine Grenze.

Sie haben viele Raritäten des Barock entdeckt. Ist es riskant, das ins Programm zu nehmen? In Kassel bieten Sie eine Art „Best of“, bei dem Sie mit dem Wiedererkennen und Begeisterung des Publikums rechnen können.

Kermes: Das ist egal, wenn die Musik und die Interpretation gut sind. Als wir mit der CD „Dramma“ auf große Tour gegangen sind - und da sind wirklich alle Arien unbekannt - hat es funktioniert. Es kommt vielleicht ein bisschen darauf an, wie groß eine Stadt ist. In Kassel gibt es bekannte, aber auch unbekannte Stücke. Ich glaube nicht, dass die Leute alle Vivaldi-Arien kennen.

Haben Sie Lust und Interesse daran, Ihre Forschungsarbeit fortzusetzen...

Kermes: ... ja, natürlich.

Gibt es noch unentdecktes Repertoire? Sind weitere Entdeckungen zu erwarten?

Kermes: Es gibt in den Bibliotheken noch Unmengen zu entdecken. Man muss aber Zeit dafür haben, es ist ein ungeheurer Aufwand, das muss ediert werden - eine Wahnsinnsarbeit. Aber natürlich wird es das in Zukunft geben.

Barock boomt, gerade die irrsinnig virtuosen Arien. Vivaldi- oder Scarlatti-Opern werden nach Jahrhunderten wieder inszeniert und neu entdeckt, auch hier in Kassel. Fürchten Sie, dass dieser Trend irgendwann zu Ende geht?

Kermes: Nein. Aber das ist nicht so einfach, man braucht vor allem die Interpreten für dieses extreme Singen. Meine letzte CD „Dramma“, das waren alles Kastraten-Arien, da braucht man erstmal Sänger, die das gut auf die Bühne bringen. Sonst bringt es nichts. Aber das funktioniert gut, gerade weil man Barockopern sehr modern inszenieren kann. Die Theater haben Erfolg, wenn das gut gemacht ist. Und vielleicht kriegt man so junges Publikum in die Oper.

Wie viel PR und Inszenierung braucht denn Klassik?

Kermes: Es braucht die Interpreten. Ich erlebe immer wieder, dass die Leute von fünf bis 90 Jahren enthusiastisch sind. Auch Jugendliche und alte Leute sind völlig aufgelöst vor Begeisterung. Das muss man schaffen. Und selbst wenn man nur ein paar Leute gewinnt, ist das unsere Aufgabe, dafür zu arbeiten, dass die Leute wiederkommen. Dabei lässt man eine Menge Energie. Es kostet Energie, aber mir macht das großen Spaß, den Menschen etwas zu geben.

Wenn man manche CD-Cover betrachtet, wirkt es, als sei das Aussehen mittlerweile wichtiger, als dass der richtige Ton getroffen wird.

Kermes: Das gehört heutzutage mit dazu. Ich finde es auch wichtig, sich darzustellen und wohlzufühlen, wie man ist. Meine Kleider sind alle selbst gemacht, nichts ist von der Stange. Damit geht es schon los. Man muss auch für das Auge etwas bieten. Alles ringsherum, die Werbung, der Auftritt, ich finde es auch schön, sich da Mühe zu geben.

Wenn man sich den Erfolg von Lady Gaga anguckt, ist „Lady Gaga der Klassik“ - so hat die „Bild“ Sie genannt - auch schmeichelhaft.

Kermes: Seitdem kriege ich das immer wieder zu hören. Aber natürlich ist das nicht schlecht. Ich hab damit keine Probleme.

Die Karriere ist Ihnen nicht in den Schoß gefallen, Sie haben sich den Weg zur Musik mühsam erarbeitet. Wem verdanken Sie am meisten?

Kermes: Natürlich meiner Lehrerin, die leider verstorben ist, Frau Prof. Fromme von der Hochschule in Leipzig, die mich sehr geformt hat, was meine Stimmtechnik betrifft. Überhaupt meine wunderbare Ausbildung an der Hochschule. Und mit gewissen Dirigenten und Kollegen lernt man wieder Neues. Man lernt ständig, wird inspiriert durch andere Künstler. Auch an Misserfolgen lernt man. So bleibt man kritisch, nimmt Herausforderungen an, und gibt seine Lust und Besesssenheit nicht auf.

Ihre biografische Entwicklung als junge Sängerin fiel genau mit der Umbruchszeit und Öffnung im Osten zusammen.

Kermes: Da hatte ich wirklich Glück. Ich hatte diese super Ausbildung, dann, als ich noch im Studium war, öffneten sich die Grenzen. Beides mitzukriegen, war wunderbar.

Sie singen demnächst in Australien, im Theater an der Wien, in der Frauenkirche, im Teatro Real Madrid, auf der MS Europa…. Gibt es für Sie einen unerfüllten Traum, wo Sie gern singen wollen?

Kermes: Ich freu mich ungeheuer auf Australien. Das Land mit meiner Musik kennenzulernen. Ich war in China, Japan, in Amerika natürlich, Europa sowieso. Ich war noch nicht in Südamerika. Aber man muss auch sehen: Es ist überall Krise, ich bin ganz glücklich, dass ich Arbeit habe, dass ich Konzerte machen kann. Ich bin glücklich, wie es ist, und für alles aufgeschlossen.

Zur Person

Über ihr Alter gibt die gebürtige Leipzigerin Simone Kermes, verheiratet, eine Tochter, wohnhaft in Berlin, keine Auskunft. Ihr Weg zur Musik war hart erarbeitet. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Fachkraft für Schreibtechnik, ehe sie Gesang studierte. Ihre Entwicklung fiel mit der Wende zusammen: „Da hatte ich wirklich Glück“, sagt sie, „ich hatte diese super Ausbildung, als ich noch im Studium war, öffneten sich die Grenzen. Beides mitzukriegen, war wunderbar.“ Ihr erstes und einziges festes Engagement hatte sie in Koblenz, wo sie bis vor Kurzem wohnte. Kermes war erste Preisträgerin des Mendelssohn-Bartholdy-Wettbewerbs, erhielt den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik, den Echo Klassik als Sängerin des Jahres. Zahlreiche CDs, u.a. „Lava“, „Arien für Cuzzoni“. Gastspiele, Konzertverpflichtungen weltweit, auch bei den Göttinger Händelfestspielen. Im Oktober erscheint die CD „Bel Canto“ mit Musik von Monteverdi bis Verdi.

Reihe Sommer-Sinfonie

Die Konzertreihe im Kultursommer Nordhessen findet vom 9. bis 15. August, jeweils 20 Uhr, in der Kasseler Stadthalle statt.

• 9.8.: Philharmonie der Nationen, Justus Frantz (Dirigent und Klavier), Tschaikowsky/Mozart.

• 10.8.: European Union Youth Orchestra, Alexander Romanovsky (Klavier) , Krzysztof Urbánski (Dirigent), Ravel/Mussorgsky/Prokofjew.

• 11.8: La Folia Barockorchester, Robin Peter Müller, Simone Kermes, Arien und Orchestermusik, Händel, Vivaldi.

• 13.8.: Gwacheon Symphony Orchestra Südkorea, Robert Leonardy (Klavier), Kyung Hee Kim (Dirigentin), Beethoven, Tschaikowsky, Dvorák.

• 15.8.: Australian Youth Orchestra, Joshua Bell (Violine), Christoph Eschenbach (Dirigent), Tschaikowsky/Strawinsky.

HNA-Kartenservice: Tel. 0561/203204, www.kultursommer-nordhessen.de

Von Mark-Christian von Busse

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