Ich+Ich überzeugten ganz gelassen beim Open Air vor Schloss Wilhelmsthal

Soulromantik ohne Getöse

Calden. Manchmal reicht ein Refrain, um sich im Pop-Universum zu etablieren. Als die Berliner Band Ich + Ich 2008 mit der Textzeile „So soll es sein, so soll es bleiben“ vor der Tresortür der Hitparaden-Glückseligkeit auftauchte, war die Zeit reif für eine Ode an die Entschleunigung.

Alles drohte im Geschwindigkeitsrausch der gesellschaftlichen Entwicklung zu entschwinden, da wirkte diese Hymnen-Formel der temporären Glückseligkeit wie Valium für die Seele. Mit dem Sänger Adel Tawil entwickelte die ehemalige Ideal-Frontfrau und NDW-Prinzessin Annette Humpe ein Konzept, das man als neue deutsche Soulromantik bewirbt.

Bei dem Konzert von Ich + Ich vor dem Schloss Wilhelmsthal war die Zielgruppe schnell ausgemacht. Eltern mit ihren jugendlichen Töchtern, Liebespärchen und weibliche Teenie-Cliquen dominierten das Publikum. Alles wirkte gelassen und entspannt, kein fiebriges Gedränge und alkoholisierter Overdrive sorgten für Hektik.

Und so klang dann auch die Band um Adel Tawil, der live immer ohne Humpe auskommen muss. Es ist Musik, bei der man auf die Strophen hört und nicht nur auf die Refrains. Songs wie „Einer von Zweien“, „Universum“ und „Du erinnerst mich an Liebe“ sind poetische Novembertage in einem Bühnenprogramm, das nur selten auf Party-Drehzahlen beschleunigt. Dann allerdings drückten auch mal die Familiengemeinschaften in den ersten Reihen aufs Gas, die Hände flogen nach oben, und man zuckte rhythmisch durch die laue Sommernacht.

„Pflaster“ und „Vom selben Stern“ verfügen da über die richtigen Ingredienzien, und bei „Stadt“ (im Original mit Cassandra Steen) überzeugte Tawil mit coolem R’n‘B-Flair. Der Sänger mit ägyptisch-tunesischer Abstammung glänzte auch bei nordafrikanischem Maghreb, begleitete sich selbst bei einem Solostück gekonnt am E-Piano und wirkte authentisch beim Kontakt mit den Fans.

Die Band, der Sound und die Videoeinspielungen befriedigten professionelle Ansprüche, und Ashley Hicklin als Support passte gut zu dem stimmungsvollen Abend. Ein Konzert, das ohne große Gesten und Getöse bewies, dass man sich in Deutschland hinter den internationalen Standards der Popmusik nicht mehr verstecken muss.

Videos von Ich + Ich sowie vom gestrigen Auftritt von Pur gibt es unter www.hna.de/video

Von Andreas Köthe

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