Mit düsterem Minimalismus-Pop ist das britische Trio The XX zur Band der Stunde geworden

Der Soundtrack zur Krise

Sie tragen stets schwarz, und so klingt auch ihr Minimalismus-Pop: Oliver Sims (von links, Gesang, Bass), Jamie Smith (Drum Machine) und Romy Madley Croft (Gesang, Gitarre) von The XX aus London. Foto: Beggars

Wie groß die Erwartungen an das neue Album der britischen Band The XX waren, kann man an dem Video sehen, das ein gewisser Dave im Januar bei Youtube hochgeladen hat. Der Fan des Londoner Trios schnitt das ursprünglich zweieinhalb Minuten lange „Intro“ vom The-XX-Debütalbum so lange zusammen, bis es zehn Stunden dauerte.

Mittlerweile wurde es fast 500 000 Mal abgerufen – von Leuten, die damit einschliefen und es immer noch hörten, als sie am nächsten Tag aufwachten. Ein User schrieb: „Ich höre es seit vier Stunden, und es ist immer noch so gut wie in der ersten Stunde.“ Das Stück „Intro“ und andere Songs von The XX hörte man in den letzten Jahren überall – bei Olympia, während Fußball-Übertragungen und beim Tory-Parteitag der britischen Konservativen.

Dabei sind Oliver Sims, Jamie Smith und Romy Madley Croft das genaue Gegenteil von konservativ. Als erste Band des neuen Jahrtausends, das bislang durch Retro-Rock und Retro-Soul gekennzeichnet war, haben sie etwas völlig Neues geschaffen. Nur gibt es dafür noch keinen Begriff.

Die Lieder von The XX bestehen aus nicht mehr als angezupften Gitarrenakkorden, einer Drum-Machine und melancholischem Gesang. Für einige Kritiker ist der düstere Minimalismus-Pop der Soundtrack zur Krise, in der Weniger das neue Mehr ist.

Mit ihrem Stil beeinflussten die drei Musiker, die sich mit 15 in den Sommerferien aus Langeweile zusammentaten und mittlerweile Anfang 20 sind, die halbe Pop-Welt. Rihanna und Kanye West sampelten ihre Töne. Shakira und Damon Albarn coverten die Lieder des selbstbetitelten und mehr als 1,5 Millionen Mal verkauften Debüts. Und Newcomer aus anderen Genres wie der R’n’B-Musiker Frank Ocean sowie der Singer/Songwriter James Blake beriefen sich auf den Minimalismus.

Auch das nun erschienene Album „Coexist“ besteht aus Songs, die auseinanderzubrechen drohen und den Kontrast zu all dem überproduzierten Superstar-Pop bieten. Mitten in dem wunderbaren „Reunion“ etwa gibt es sechs Sekunden lang Stille. Zwischen den Tönen, schrieb ein Kritiker, „wird so viel Lücke gelassen, dass man bequem den Abwasch erledigen könnte“. Behutsam hat Soundtüftler Jamie Smith House und Electro eingebaut, und hin und wieder hört man auch eine Steeldrum aus Trinidad.

Aufgenommen haben die drei Musiker, die gerade erst bei den Eltern ausgezogen sind, die neuen Songs in einem Büro. Wenn sie in London unterwegs sind, werden sie nicht einmal erkannt. Dafür ist ihr Bandname allgegenwärtig. Gerade hat ihre Plattenfirma bei Facebook ein Foto gepostet, das zwei gekreuzte Kondensstreifen am Himmel zeigt. Das Album ist himmlisch schön, und man könnte es auch zehn Stunden hören.

The XX: Coexist (XL Recordings/Beggars).

Wertung: !!!!!

Von Matthias Lohr

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