Aktionskünstler Otto Muehl wird heute 85 - Ausstellung im Wiener Leopoldmuseum

Späte Entschuldigung

Reverenz an das Vorbild: Otto Muehls „Van Gogh als Ziege“ (1984) aus Privatbesitz. Foto: Museum

Wien. Neben der wandfüllenden Vita Otto Muehls im Leopoldmuseum hängt ein unscheinbarer DIN-A-4-Zettel, der dennoch Spektakuläres enthält: Der Miterfinder der Wiener Aktionskunst entschuldigt sich für den sexuellen Missbrauch, den er als „Häuptling“ der Landkommune Friedrichshof in den 80er-Jahren den Kindern seiner Adepten zugefügt und in den 90ern mit einer siebenjährigen Haftstrafe gebüßt hatte.

Eine Geste, für die sich der an Parkinson erkrankte Muehl, der heute in seiner neuen, viel kleineren Kommune in Faro (Portugal) seinen 85. Geburtstag begeht, Zeit gelassen hat. Noch vor vier Jahren, so verrät die Homepage seines Archivs, war er sich „keiner Schuld bewusst“. Mag sein, dass der Kurator der Ausstellung, Diethard Leopold, der Sohn des Sammlers, im Hauptberuf Psychotherapeut, den umstrittenen Künstler zu diesem Schritt ermutigt hat.

Die Ausstellung selbst ist ausschließlich der „radikal-expressiven“ Malerei Otto Muehls gewidmet. Materialbilder, Collagen und Siebdrucke aus den 1960ern, der große „Vincent“-Zyklus, der in der Dreidimensionalität des Farbauftrags eine Reverenz an den Niederländer van Gogh verrät, Köpfe und Porträts aus den 1980ern, bei denen Andy Warhol Pate gestanden hat, schließlich die Bilder aus dem Gefängnis, in denen es, stilistisch an Roy Lichtenstein angelehnt, in hartnäckiger Obsession „um das eine geht“.

Die Krux des Ausstellungskonzepts: „Nur“ als Maler erweist sich Muehl als Epigone. Seine Originalität beginnt, als er der Leinwand Lebewohl sagt und sich dem (meist weiblichen) Körper als Aktionsfeld zuwendet. Man mag das kühn oder ekelhaft finden, man kann streiten, ob das Kunst ist oder Perversion, aber man kann es nicht unter den Tisch kehren. Der halbstündige Dokumentarfilm „Becoming Otto“ des Schweizer Kunsthistorikers Vincent Juillerat, der verschämt in einer Nische des Museums gezeigt wird, gibt immerhin ansatzweise Einblick in die Lebensumstände des gebürtigen Burgenländers, der, als 18-Jähriger zur Teilnahme an der Ardennenoffensive verdammt, die Gräuel des Krieges ebenso erlebt hat wie das dumpfe restaurative Schweigen im Nachkriegs-Österreich. Der, etwa gleichzeitig mit der Kommunenbewegung in Deutschland, alternative Formen des Zusammenlebens propagierte - und der, darin ist er freilich weiter gegangen, die Kluft zwischen Leben und Kunst zuschütten wollte.

Ohne die genaue Analyse des gesellschaftlichen und geistigen Umfelds ist eine Figur wie Muehl nicht zu verstehen. Ihn auf seine Leinwanderzeugnisse zu reduzieren, wird weder ihm noch seinen Opfern gerecht.

Bis 4. Oktober, Leopoldmuseum Wien, Museumsquartier. www.leopoldmuseum.org

Von Verena Joos

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