Sebastian Baumgarten inszeniert Bizets „Carmen“ an der Komischen Oper Berlin

Spanien in Flammen

Sebastian Baumgarten

Berlin. Es geschehen noch Wunder. Meist, wenn man sie nicht erwartet. Wann zuletzt sah man eine mehr als halbwegs tragfähige Inszenierung? Eine, die rundum überzeugte und nicht nur so lala? Barrie Koskys „Rusalka“ war so eine Inszenierung an der Komischen Oper Berlin. Jetzt hat dort Sebastian Baumgarten, ehemals Kasseler Oberspielleiter und in Bayreuth für seinen „Tannhäuser“ hart kritisiert, mit der „Carmen“ nachgelegt. Diese Regietat ist top, aktuell und auch hart an der Vorlage.

Die Bühne von Thilo Reuther zeigt ein Grusel-Spanien. Plattenbau, Bar in Trümmern. Menschen gehen auf die Barrikaden, Häuser werden angezündet. Es herrschen Revolte, Zerstörung, Freiheitsdrang. Europa ist abgehalftert und die Liebe ohnehin „in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter“, wie Nietzsche meinte.

Baumgarten nimmt sie von der amüsanten Seite, offeriert Groteske, aber auch Realismus, der Ernst macht mit der oft auf Folklore getrimmten Vorlage. Prosper Mérimées Befund, die Frau sei nur angenehm im Bett und auf der Bahre, erscheint. Videofilmausschnitte flimmern. Carmen ist der Stier und Don José kein ganzer Mann: Das kann nicht gut gehen.

Mit seiner dekonstruktivistischen Kommentar-Methode liegt Baumgarten diesmal goldrichtig, denn die Story darf er als bekannt voraussetzen. Außerdem besitzt sie Operettenzüge. Offenbachs Schreiber Henri Meilhac und Ludovic Halévy lieferten das Libretto für Bizets Reißer. Neue, witzige Dialoge hat der Regisseur verfasst und eine Flamencotänzerin als Carmen-Double engagiert.

Ana Menjibar tanzt sensationell. Stella Doufexis singt die Carmen raffiniert mit kleinem, feinem Mezzosopran. Ihre Verkörperung der Zigeunerin bleibt kühl-elegantes Spiel, reine Behauptung von Liebe, dem womöglich „wahren Betrug“.

Timothy Richards als Muttersohn Don José mobilisiert für den finalen Mord alle klangschönen Reserven und agiert überzeugend, indem er, der Verschmähte, mehrfach zusticht, brutal vergewaltigt und dann auch noch bei der Zigarette danach versagt. Das Feuerzeug will einfach nicht zünden. Ein toller Gag, mit dem die Regie ihr gesellschaftspolitisches Meisterstück krönt.

Das gewinnt durch stimmige Musiktheater-Atmosphäre und prima Darsteller in den Nebenrollen. Famos anzuhören sind der sagenhaft komische Jens Larsen als Leutnant Zuniga, Günter Papendells sonor-heutiger Escamillo und Ina Kringelborn als Gottesmutter, Madonna Micaela. Der Hammer aber ist Yordan Kamdzhalov am Pult. Der 29-jährige Bulgare wird 2012 Generalmusikdirektor in Heidelberg. Ein Dirigent mit Sucht-Potenzial.

Wieder am 6., 12., 18., 26. Dezember, Karten: Tel. 030 / 47 99 74 00.

Von Andrea Hilgenstock

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