Spannende Akzente: Das Quatuor Diotima bei den Kasseler Musiktagen

Miroslav Srnka Foto: privat/nh

Kassel. Mit einem Farbtupfer präsentierten sich die drei Herren des „Quatuor Diotima“, derweil die Geigerin Vanessa Szigeti im unifarbenen Kleid erschien: Zu grauer Hose und Hemd trugen Yun Peng Zhao (Violine), Franck Chevalier (Viola) und Pierre Morlet (Violoncello) rote Socken beim Musiktage-Konzert im Ständesaal.

Keine reine Äußerlichkeit, denn auch musikalisch setzte das Streichquartett, das im vergangenen Jahrzehnt von Paris aus eine internationale Karriere startete, eigene Akzente. Schon eingangs beim einzigen Streichquartett Claude Debussys wirkte das Spiel spontan, antistrukturell und dabei klanglich höchst apart.

Besonders zu Hause fühlt sich das Quatuor Diotima bei neuer Musik. Auch die Kasseler Musiktage fühlen gern der Gegenwart musikalisch den Puls. Beim Streichquartett „Engrams“ des tschechischen Komponisten Miroslav Srnka (36), das in einer Neubearbeitung uraufgeführt wurde, handelte es sich um ein extrovertiertes Stück, dessen klangliche Effekte durch ungewöhnliche Spieltechniken erzeugt werden. Eine davon, mehrfach gebraucht, könnte man „Glizzikato“ nennen, eine Verbindung von Glissando, schleifender Tonhöhenveränderung, und gezupften Tönen (Pizzicato).

Das Strukturprinzip erschließt sich leicht: Es geht um lineare Auf- und Abwärtsbewegungen, als Tonleiter, als Glissando, mit Repetitionen und Umspielungen, mal langsam, mal rasend schnell, dazu in vielfachen Überlagerungen. Und ständig gehen einzelne Instrumente mit Störfeuer dazwischen. Am heftigsten in einem Cellosolo, das wie eine verzerrte E-Gitarre à la Jimi Hendrix klang. Das alles war unterhaltsam und souverän dargeboten, nutzte sich aber doch ab, bevor das Stück zu Ende war.

Ungleich verdichteter war das Werk „Silent Flowers“ des Japaners Toshio Hosokawa (56). Scharfe, kantige, kratzende Klangereignisse, die die Stille durchschnitten und leise nachhallten, eröffneten das Stück, das Einflüsse von Nonos „Fragmente - Stille, An Diotima“ erkennen lässt - ein Titel übrigens, der auch dem Quartett zu seinem Namen verhalf.

Einen gemischten Eindruck hinterließ am Ende Brahms’ A-Moll-Quartett op. 51,2. Während das Quatuor Diotima in den ersten Sätzen auf sehr überzeugende Weise das Musikantische aus dem Stück verbannte und das Artifizielle, auch die Modernität des Werks herausarbeitete, ließ im Finalsatz die Konzentration etwas nach. Das tat dem Beifall der 160 Zuhörer aber zu Recht keinen Abbruch.

Von Werner Fritsch

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