Spannender Auftakt der Hersfelder Festpiele mit "Hexenjagd"

Zweifel werden geweckt: Reverend Parris (André Eisermann, von links) , Abigail Williams (Corinna Pohlmann), Tituba (Motsi Mabuse) und Reverend John Hale (Richy Müller). Foto: Zucchi/dpa

Bad Hersfeld. Für den Auftakt der Hersfelder Festpiele hat Intendant Dieter Wedel eine grandiose Stückauswahl getroffen.

Seine Inszenierung von Arthur Millers „Hexenjagd" punktet nicht nur mit vielen Stars.

Wie könnte Mary denken, dass sie ohne ihre Freundinnen bestehen kann? Eigentlich will sie klarstellen, dass das Lügnerinnen sind. Doch als sie der Mädchenclique dann gegenübersteht, geht es nicht. Sie bricht zusammen und wirft sich der mächtigsten Manipuliererin in die Arme, Abigail. Endlich dazugehören. Die Freundinnen sind Haltgeberinnen in einer Welt, die jungen Frauen nicht viel Spielraum gewährt. So fällt Mary um, sie wählt Konformität statt Tapferkeit.

Wie Janina Stopper diesen Moment spielt, wo das Hausmädchen Mary ihre moralische Integrität aufgibt zugunsten des Dabeiseins - das ist eine der bewegendsten Szenen bei der umjubelten Premiere von Arthur Millers Drama „Hexenjagd“ in der Bad Hersfelder Stiftsruine.

Tragischer Held: John Proctor (Christian Nickel) ist am Ende in Ketten.

Intendant Dieter Wedel hat für den von ihm inszenierten Festspielauftakt eine grandiose Stückauswahl getroffen. Es geht um ein religiös geprägtes Örtchen, in dem eine Mädchenbande Menschendenunziert, die angeblich mit dem Teufel im Bunde stehen. In eigener Machtvollkommenheit, und weil das Gericht angebliche Beweise nicht hinterfragt, werden willkürlich Leben zerstört. Die staatlichen und kirchlichen Machthaber fühlen sich moralisch legitimiert, deshalb ist es kaum möglich, sich ihnen zu widersetzen.

Die Bezüge des 50er-Jahre-Klassikers sind denkbar aktuell, auch wenn sie in der Stiftsruine nicht ausformuliert werden: der Druck der sozialen Medien, die Repräsentationsansprüche religiöser Absolutisten und anderer populistischer Eliten, das Bedürfnis, Teil einer Gruppe zu sein. Warum das Stück vom 17. Jahrhundert der Vorlage in die 1930er-Jahre verlegt wurde, bleibt allerdings unklar.

Auf einer klug eingesetzten Videowand ist Jasmin Tabatabai zu sehen, die als zerlumpte Bettlerin das Geschehen kommentiert (Kostüme: Clarissa Freiberg). Man blickt per Film außerdem in den Wald, in den Gerichtsaal und fühlt sich später gar wie in einem TV-Dokudrama, wenn Richter Samuel Sewall (großartig: Hans Diehl) rückblickend über die Prozesse spricht. Hier verschwimmen Zeitebenen, wird geschickt mit Fiktionalität und Realität gespielt.

66. Bad Hersfelder Festspiele: Roter Teppich

Der variable Bühnenaufbau von Jens Kilian ist mal Gemeindesaal, mal Wohnung, mal Gerichts-Hinterzimmer, und wenn eine Art Pegida-Mob mit Wutbürger-Transparenten aufmarschiert und die Wohnung des tragischen Helden John Proctor (Christian Nickel) demoliert, ist auch das ein Gänsehautmoment.

66. Bad Hersfelder Festspiele: Festakt in der Stiftsruine

Vielfältig nutzbarer Bühnenaufbau: Blick in die Stiftsruine mit der neuen Videowand rechts, auf der Jasmin Tabatabai als Erzählerin zu sehen ist. 2 Fotos: Landsiedel

Zu André Eisermann als anbiedernd-schmierigem Reverend Parris, Elisabeth Lanz als gebrochener Ehefrau Elizabeth Proctor, Corinna Pohlmann als fieser Intrigantin Abigail und Richy Müller als bedächtigem Mahner John Hale, der wirkt wie aus einem düsteren Western, kommen in kleineren Rollen weitere Stars wie Horst Janson, Brigitte Grothum, Motsi Mabuse und viele andere. Das durchweg tolle Ensemble agiert harmonisch, hat aber an einigen Stellen ein bisschen weniger Entfaltungsmöglichkeiten als wünschenswert. Da nämlich, wo die Stückvorlage eher typisierend Moralfragen verhandelt. So hätte man sich etwa beim Hin und Her vor Gericht Kürzungen vorstellen können.

Zum Beispiel um noch klarer anklingen zu lassen, wie ähnlich sozialer Druck heute funktioniert, wie in unserer Welt der „Gefällt mir“-Klick bei Facebook die immer relevantere Währung fürs Miteinander wird - und wie das unser gesellschaftliches Miteinander verändert. Wenn Emotion vor Rationalität rangiert, man sich, wie Hausmädchen Mary, lieber gefühlsmäßig bei Freunden andockt, statt sich eine Meinung zu leisten - dann gibt es keine kritische Öffentlichkeit mehr.Im Bann der Mädchenbande

Das Festival läuft bis 28. August.

Kartentelefon: 06621/640200,

bad-hersfelder-festspiele.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.