Das Berliner Holocaust-Mahnmal ist ein fröhlicher Ort geworden

Spaß beim Erinnern

Spaß beim Gedenken: Besucherinnen auf dem Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman. Foto:  dpa

Berlin. Vor ein paar Wochen hatte eine Gruppe von Ethnologie-Studenten der Humboldt-Universität Berlin eine Aufgabe. Sie sollten Interviews mit den Besuchern des Holocaust-Mahnmals führen und wurden von einigen der Antworten ziemlich überrascht.

„Es macht Spaß“, gab eine Familie aus Taiwan zu Protokoll, während sie durch die Steinquader schlenderte. „Es ist so ein lustiger Platz und die Kinder haben Spaß“. Von dem Hintergrund der ermordeten Juden hatten sie noch nie gehört.

Peter Eisenmans Stelenfeld ist also nicht nur ein ernster Ort. Das riesige Mahnmal neben dem Brandenburger Tor ist eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt und längst Teil des Berliner Alltags.

Viel mehr als ein Anlass zum Innehalten ist das Labyrith aus Beton ein Touristenspielplatz für Fotoshootings, Kletterexperimente und Bräunungspausen im Bikini.

Dem Architekten Peter Eisenman dürfte das gefallen. Er hatte sich schon bei der Eröffnung vor sieben Jahren gewünscht, dass seine begehbare Riesenskulptur nicht heilig, sondern alltäglich wird.

„Meine Idee war, dass die Leute das Mahnmal jeden Tag sehen, dort spazieren gehen oder ihr Sandwich essen“, sagt Eisenman in einem Interview zu seinem heutigen 80. Geburtstag. „Das allein ist es wert: Dass ein deutsches Mädchen oder ein deutscher Junge nach Hause kommen und sagen: Wir hatten einen tollen Tag am Holocaust-Denkmal.“

Weniger in Eisenmans Sinne dürfte sein, dass die 2700 Stelen neben wohlgesonnenen Besuchern auch immer wieder Neo-Nazis anziehen. Obwohl die Steine mit Anti-Grafitti-Lasur überzogen sind, musste die Stadt schon mehrmals Hakenkreuz-Schmierereien entfernen. Außerdem haben viele der Stelen inzwischen Risse, 24 von ihnen werden nun mit Stahlmanschetten gesichert.

Trotzdem ist das zu Anfang so umstrittene Mahnmal ein Erfolg. Laut der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas kommen pro Jahr allein 500 000 Besucher in den unterirdischen Ort der Information. Flaneure, die sich nur im Stelenlabyrinth vergnügen, dürfte es noch viele mehr geben.

Und wem der Eisenman’sche Beton zu kalt und unmenschlich erscheint, der findet nur ein paar Meter entfernt einen weiteren lebensbejahenden Ort. Auf der anderen Seite der Straße steht versteckt im Tiergarten das Denkmal für die im Holocaust ermordeten Homosexuellen.

Das norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset hat auch einen Betonquader aufgestellt, allerdings einen mit einem Fenster. Wer sich ganz dicht davor stellt, sieht einen Film mit küssenden schwulen und lesbischen Paaren.

Von Saskia Trebing

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